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Lieferprobleme, Chipmangel und mehr

– Deshalb warten Sie derzeit ein Jahr und mehr auf Ihren Neuwagen

Dienstag, 5. Jul. 2022

Wer sich in den vergangenen zwölf Monaten einen Neuwagen gekauft hat, der nicht sofort beim Händler verfügbar war, der hat die momentan größte Problematik bereits am eigenen Leib zu spüren bekommen. Sich einen Neuwagen zu bestellen und auf den zugesagten Liefertermin zu warten, gleicht mittlerweile einer Lotterie oder einem Glücksspiel.

Autor — Ehricke

Die Chancen, dass das Fahrzeug am zugesagten Termin auch tatsächlich beim Händler abholbereit auf dem Hof steht, sind genauso hoch wie mit einem neue Casinos Bonus ohne Einzahlung den großen Gewinn einzustreichen. Dieses Problem ist jedoch kein neues. Bereits Anfang 2021 wurden erste Stimmen laut, die vor dem Eintreten des heutigen Normalzustandes gewarnt haben.

Auch Tankstellen können unter Lieferproblemen leiden
Auch Tankstellen können unter Lieferproblemen leidenFoto: Rainer Ehricke

Gegen Ende 2021 erreichte der Lieferstau dann ein derartiges Volumen, dass er nicht mehr länger ignoriert werden konnte. Mehr und mehr unzufriedene Kunden wurden immer öfter vertröstet. Zunächst wurde die Auslieferung lediglich um einige Wochen verschoben. Aus einigen Wochen wurden Monate und mittlerweile sind einige Autohersteller bei bestimmten Modellen bei einem Auftragsstau von einem Jahr und mehr angelangt. Dies betrifft wohlgemerkt nicht etwa exotische Modelle aus dem High-End-Segment. Nein, die Rede ist hier von Fahrzeugen, die sich regelmäßig in den Top 10 der Neuwagenzulassungstabellen befinden. Was ist also passiert? Welche Folgen hat diese Entwicklung und wie können Sie sich als betroffener Kunde wehren?

Lieferprobleme – Warum kommt es zu derart langen Verzögerungen?

Nun ist es nicht so, dass die Hersteller mit Kaufanfragen überschüttet werden und diese nach und nach abarbeiten müssten. Es ist einmal mehr der fatalen Abhängigkeit der Zulieferer von deren Produktionsstandort China zu verdanken, dass wir uns in dieser Situation befinden. Jahrelang lief das Geschäft für zahlreiche Zulieferer wie geschmiert. Werke in Deutschland und Europa wurden geschlossen, die Produktion nach China ausgelagert und die Gewinne kamen de facto von allein. Dieser Vorgang wurde mit einem schönen neudeutschen Wort umschrieben: Globalisierung.

Dann trat jedoch eine Reihe von fatalen Entwicklungen ein, welche die westlichen Industrienationen in einen Schockzustand versetzten. Als das Coronavirus China heimsuchte, reagierte die Führung in Peking mit strikten Lockdowns. Die chinesische Corona-Strategie lautet bis heute Zero-Covid. Aufgrund der strengen Lockdown-Maßnahmen stand die Produktion von Computerchips still und erst nach und nach konnte die Halbleiterproduktion wieder aufgenommen werden. Die fehlenden Chips brachte die gesamte Elektroindustrie zum Stillstand und weitete sich letztendlich auch auf die KFZ-Herstellung aus.

Die Folgen für den Gebrauchtwagenmarkt und Interessenten einer Neuwagenanschaffung

Wenn sich die Auslieferung der Neuwagen verzögert, dann hat dies natürlich auch Konsequenzen für den Gebrauchtwagenmarkt. Die Folgen kommen jedoch nicht unmittelbar, sondern mit einer zeitlichen Verzögerung an. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass sich viele Interessenten aufgrund der langen Wartezeiten nun für einen Gebrauchtwagen entscheiden. Die dadurch gestiegene Nachfrage bringt jedoch das Angebot in Bedrängnis, insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass durch die Lieferverzögerungen weniger junge Gebrauchte auf den Markt kommen.

Die erhöhte Nachfrage sorgt zudem dafür, dass die Preise für Gebrauchtwagen in die Höhe schnellen. Bereits Ende 2021 konnten Preisexperten einen Anstieg von 5 bis 15 Prozent feststellen. Es soll in Einzelfällen sogar bereits vorgekommen sein, dass ein junger Gebrauchter den Preis des Neuwagenmodels überstiegen hat. Wer sich momentan also für einen Neuwagen entschieden hat, für den könnte es gar doppelt dick kommen. Denn nicht nur das Ausweichen auf einen Gebrauchten kann teuer enden. Die sonst üblichen, teils kräftigen Rabatte auf Neuwagen wurden von zahlreichen Herstellern ebenfalls stark gekürzt.

Bei E-Autos sind die Wartezeiten sogar am längsten

Die Bundesregierung fördert die Anschaffung eines Elektrofahrzeugs mit satten Prämien. Deshalb ist es nur logisch, dass sich Interessenten einer Neuanschaffung verstärkt den Fahrzeugangeboten mit elektrischem Antrieb zuwenden. Dieser Effekt wird durch die immer weiter steigenden Kraftstoffpreise sogar nochmals verstärkt. Was für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor gilt, gilt jedoch auch für Elektrofahrzeuge. Die Wartezeiten auf einen neuen E-Wagen sind sogar noch länger als die für einen herkömmlichen Verbrenner.

Der Grund hierfür ist ebenfalls der weltweite Halbleitermangel. Elektrisch angetriebene Fahrzeuge haben nämlich eine deutlich größere Anzahl von ihnen verbaut. Dies betrifft vor allem die Antriebssteuerung sowie Fahrassistenz- und Kommunikationssysteme. Ganz besonders hart trifft es elektrisch angetriebene Fahrzeuge der Klein- und Mittelklasse. In diesen Fahrzeugsegmenten ist die Nachfrage momentan besonders hoch.

Was Käufer tun können

Als enttäuschter Käufer ist man den Herstellern jedoch nicht ganz schutzlos ausgeliefert. Die Taktik des Vertröstens kann nämlich lediglich einen Zeitraum von sechs Wochen überbrücken, danach kann der Käufer tätig werden und sich wehren. Der erste Schritt, der nach Ablauf dieser Sechs-Wochen-Frist unternommen werden kann, besteht aus der schriftlichen Mahnung. Von Verbraucherschutzexperten wird geraten, in dieser Mahnung dem Händler nochmals eine zweiwöchige Frist zu setzen.

Läuft auch diese Frist ab, kann man als Kunde dem Autohändler eventuell entstandene Kosten wie etwa einen Mietwagen in Rechnung stellen. Zudem hat man nach Ablauf der Mahnfrist die Möglichkeit, vom Kaufvertrag zurückzutreten. Wurde bereits eine Anzahlung getätigt, dann kann diese sofort zurückverlangt werden. Wurde das Fahrzeug mit einem Händlerkredit finanziert, hat man selbstverständlich das Recht, von diesem zurückzutreten.