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Roadtrip mit Michelin - Kein leichter Weg

Donnerstag, 30. Jun. 2022

Was haben Beton, Medizin-Technik und Holz-Industrie mit Reifen zu tun? Eigentlich nichts, doch Michelin will das ändern und sich ein Stück weit neu erfinden. Gute und zunehmend grünere Reifen wollen die Franzosen außerdem bauen.

Mit Reifen kennen sie sich aus. Seit fast 130 Jahren schnitzen und backen die Michelin-Männchen für Fahrzeuge jeglicher Art luftgefüllte Gummiringe, die selbst in den hintersten Ecken unseres Planeten und in einigen Jahren vielleicht sogar auf dem Mond ihre Spuren hinterlassen haben. Das in vielen Jahrzehnten gereifte Niveau der Produktwelt von Michelin konnten wir auf einem Roadtrip in der Region nördlich von Barcelona anhand des Pilot Sport 5 erfahren. Die Geschichte über diesen neuen Reifen ist jedoch schnell erzählt, weshalb uns auf den Testfahrten in flotten Autos gleich noch Michelin-Mitarbeiter begleitet haben, um vom radikalen Wandel ihres Konzerns und der gesamten Autobranche zu erzählen. Es geht um Elektro-Zukunft, darum, wie die Franzosen den schwierigen Spagat von Nachhaltigkeit bei gleichzeitigem Wachstum meistern und dieses mit alten wie völlig neuen Geschäftsmodellen in Einklang bringen wollen.

Auf die spaßbetonte Alpine A110 hat Michelin den neuen Pilot Sport 5 montiert
Auf die spaßbetonte Alpine A110 hat Michelin den neuen Pilot Sport 5 montiertFoto: Michelin

Kerngeschäft sind und bleiben Reifen. Speziell für Pkw auf gehobenem Leistungsniveau wurde der neue und in dutzenden Formaten von 17 bis 21 Zoll erhältliche Pilot Sport 5 entwickelt. Die 2022 eingeführte Reifen-Generation hat Michelin gleich auf mehrere Spaßmobile aufgezogen. Für unsere erste Testfahrt wurde uns eine Alpine A110 gestellt. Das kurvenreiche Landstraßen-Tänzchen entlang der Küste nördlich von Barcelona begleitet Jérôme Haslin, der Hersteller wie Ferrari, Porsche oder Aston Martin bei der Wahl des Erstausrüster-Reifens für künftige Sportwagenmodelle unterstützt. Gelassen reagiert der Trackprofi auf die für uns überraschend früh einsetzenden Ausbruchsversuche der Hinterräder der rund 250 PS starken Flunder. Ist der Sport 5 etwa zu hart? Nein, sagt Haslin. Die heutige Alpine fährt sich recht ähnlich wie das für den Einsatz bei Rallyes ausgelegte historische Vorbild aus den 1960er-Jahren. Das Leichtgewicht ist agil, dreht sich gern um die eigene Hochachse und bringt die Hinterreifen so immer mal wieder an ihre Haftungsgrenzen. Hat man die mitteilsame Natur des Franko-Flitzers kapiert, erlebt man das direkt reagierende Spaßmobil als überaus unterhaltsam.

Haslin hat Benzin im Blut. „Was denkst du über die Antriebszukunft im Autobau?“, fragt er unvermittelt. „Electric only“, lautet die knappe wie überzeugte Antwort. Der Testpilot kontert mit E-Fuels und dem für sportlichen Fahrspaß viel zu hohen Gewicht von E-Autos. Er glaubt fest daran, dass sich auch in Zukunft Sportwagenfreunde noch am guten alten WroomWroom berauschen werden. Wenngleich er selbst bereits künftige Sportwagen-Generationen testet, die in wenigen Jahren emissionsfrei um die Ecken sausen werden. Das Erstausrüster-Geschäft bei Sportwagen ist ein übrigens harter Wettbewerb. Haslin besucht mit immer neuen Reifen-Prototypen in verschiedenen Mischungen die OEMs. Intensiv wird getestet, Änderungswünsche vom Hersteller definiert. Einige Zeit später kehrt er mit modifizierten Reifensätzen zurück. Wieder Tracktests, wieder eine neue Wunschliste. Oft finden OEMs Gefallen an den Michelin-Reifen, manchmal machen andere Hersteller das Rennen. Es geht um viel Prestige, entsprechend lastet auf Haslins Schultern eine nicht gerade kleine Verantwortung. Entscheidet sich ein Autohersteller für eine andere Reifenmarke, waren Monate intensiver Arbeit umsonst.

In flotteren Kurven neigte das Heck der A110 immer wieder zu leichten Ausbruchversuchen
In flotteren Kurven neigte das Heck der A110 immer wieder zu leichten AusbruchversuchenFoto: Michelin

Ist der neue Pilot Sport für die Alpine nun die perfekte Wahl? Schwer zu sagen. „Rausfinden lässt sich dies ohnehin nur, wenn man mehrere Reifen parallel testet“, sagt Haslin. Doch er nennt noch einige Vorteile der Generation 5, die sich unter anderem durch Langlebigkeit und eine verbesserte Nassperformance auszeichnen soll. Unsere Fahrt ist kurz, die Sonne lacht. Zweifel an den Qualitäten des im gehobenen Preissegment positionierten Reifens kommen keine auf.

Passend zum sommerlichen Wetter wechseln wir auf ein BMW 4er Cabriolet. Das Münchener Lifestyle-Mobil scheint im Vergleich zur Alpine regelrecht auf der Straße zu kleben und wie auf Schienen zu fahren. Fahrvergnügen kann sehr unterschiedliche Facetten haben. Doch das wird ohnehin schnell zur Nebensache, denn neuer Beifahrer ist der auf Innovationsthemen spezialisierte PR-Verantwortliche Cyrille Roget, der viel von den Zukunftsplänen seines Konzerns berichtet. Es geht um die tiefgreifendste Transformation eines ganzen Industriezweigs, aus der Michelin nicht nur als nachhaltige, sondern außerdem als eine in vielen neuen Geschäftszweigen umtriebige Firma hervorgehen will. Das Reifengeschäft, so Roget, bietet seinem auf Expansion ausgerichteten Weltkonzern mit über 120.000 Mitarbeitern kaum mehr Wachstumspotenzial. Aktuell sichert der traditionelle Geschäftszweig noch 85 Prozent des Umsatzes, doch bis 2030 wollen die Franzosen mit Produkten außerhalb der Reifensparte 30 Prozent ihres Geldes verdienen. Als Reifenhersteller hat Michelin Techniken bei Gummimischungen und Verbundwerkstoffen entwickelt, die viel Potenzial für innovative Produkte bieten. Seine Gummi-Expertise will Michelin dazu nutzen, neue Medizin-Produkte zu entwickeln. Statt mit korrodierendem Stahl wollen die Franzosen Beton mit nichtmetallischen Verbundwerkstoffen bewehren. Speziell für den Einsatz in der Holzindustrie werden nachhaltige Bio-Klebstoffe entwickelt.

Uptis heißt ein luftloser Autoreifen, den Michelin voraussichtlich 2024 auf den Markt bringen wird
Uptis heißt ein luftloser Autoreifen, den Michelin voraussichtlich 2024 auf den Markt bringen wirdFoto: Michelin

Ebenso will Michelin sein Reifengeschäft zukunftsfähig machen. 2050 sollen Reifen der Franzosen zu 100 Prozent aus erneuerbaren sowie recyclebaren Materialien wie Naturkautschuk hergestellt werden. Ein Großteil der Werkstoffe muss deshalb künftig aus biologischem Anbau kommen, das Material darüber hinaus in überschaubaren Zeiträumen wiederverwertbar sein. Es geht dabei um große Mengen. Aktuell liegt der Anteil nachhaltiger Werkstoffe bei 28 Prozent, bis 2040, so Roget, soll der Anteil auf 40 Prozent steigen. „Das ist eine große Umstellung. Um einen Maßstab zu geben: Von heute bis 2030 werden 13,5 Millionen Tonnen des Materials in unseren Reifen nachhaltig sein.“ Zugleich sollen künftige Ökoreifen auch in Hinblick auf die Performance überzeugen. Ende Juni hat Michelin auf dem Goodwood Festival of Speed einen Motorsport-Reifen vorgestellt, der trotz eines Anteils nachhaltiger Materialien von 53 Prozent den Leistungs- und Sicherheitsstandards gerecht wird.

Michelin will seine Reifen bis 2050 nicht nur zu 100 Prozent aus nachhaltigen Materialien fertigen, sondern außerdem CO2-Neutralität erreichen. Unter anderem sollen Werke verstärkt Solarenergie nutzen, den Wasserverbrauch senken. Auch Reifen selbst sollen künftig helfen, den Energiebedarf von Fahrzeugen durch Leichtlaufeigenschaften und weniger Rollwiderstand zu senken.

Barcelona war Endpunkt des Roadtrips
Barcelona war Endpunkt des RoadtripsFoto: Michelin

Michelin hat bereits verschiedene innovative Reifenkonzepte entwickelt, um die ambitionierten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Dazu gehört der luftlose und deshalb pannensichere Reifen Uptis, der bereits 2024 zunächst im Flotteneinsatz auf den Markt kommen soll. Ein zweites Reifenkonzept heißt Vision. Ist bei diesem die Lauffläche abgefahren, wird der Reifen nicht einfach ausgetauscht, sondern sein Profil am 3D-Drucker „wieder aufgeladen“, so Roget. Doch wie der Konzeptname Vision andeutet, wird dieses Produkt erst in einer ferneren Zukunft marktfähig werden.

Der Roadtrip endet in Barcelona. Abends gibt es noch ein gemeinsames Essen im hippen Restaurant „Cocina Hermanos Torres“. Zwei in Spanien bekannte Zwillinge leiten hier ein Gourmet-Tempel mit einer zentralen und zu allen Seiten offenen XXL-Küche. Gekocht wird nachhaltig, regional, biologisch. Dem legendären Guide Michelin, ein 1900 zum ersten Mal aufgelegter Restaurant-Führer, war das Engagement der Brüder übrigens zwei Grüne Sterne wert. Seit 2020 vergeben die Michelin-Tester diese Auszeichnung für besonders nachhaltige Konzepte. Gemundet hat das Mahl jedenfalls.

Mario Hommen/SP-X