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Liebe auf den zweiten Blick

40 Jahre Volvo 340/360

Dienstag, 20. Sep. 2016

Ausgerechnet mit Variomatic sollte dieser Volvo ein flotter Golf-Gegner werden.

Lahmer geht es nicht, spottete die etablierte Kompaktklasse als der Volvo 343 mit der Riemenautomatik aus dem Rentnerauto Daf vorfuhr. Zu früh gelacht! Nach einem Neustart wurde der Volvo ein Renner – als Rallyechampion und verlässlicher Familienfreund.

1979 brachte Volvo die neue Topausstattung 343 GL/345 GL („Grand Luxe“) mit getönter Verglasung und Sitzheizung
1979 brachte Volvo die neue Topausstattung 343 GL/345 GL („Grand Luxe“) mit getönter Verglasung und SitzheizungFoto: Volvo

Es war das Jahr der Fastbacks ohne Fortune. Längst vergessen sind deshalb heute Renault 14, der erste Audi Avant und letztlich sogar der zum „Auto des Jahres 1976“ gekürte Simca 1307. Wen wundert es da, wenn Unwissende auch den Volvo 343 in diese Loser-Liste aufnehmen wollen. War dieser erste kompakte Schrägheck-Schwede doch anfangs tatsächlich ein erfolgloser Langweiler, der nur durch seine niederländische Daf-Vergangenheit von sich reden machte. Weshalb es der Volvo 343 – ursprünglich konzipiert als Daf 77 – auch nicht an der Riemenautomatik fehlen ließ, die bereits den betulichen Daf-Kleinwagen den Ruf der Rentner- und Frauenautos eingebracht hatte.

Als dann auch noch kostspielige Kinderkrankheiten die Erfolgskurve des ersten Volvos in der Kompaktklasse beeinträchtigten, grenzte es an ein Wunder, als das Mauerblümchen wider Erwarten zu einem Millionseller mutierte. Was war geschehen? Die Schweden hatten ihren Holländer mit allem aufgerüstet, was bereits die großen Volvos begehrenswert machte. Also mit knackigem Schaltgetriebe, Zuverlässigkeit und vielen Karosserievarianten für die fortan Volvo 340 und 360 genannten Modelle.

Einen Imagewandel hin zum fliegenden Holländer konnten zwar nicht einmal Titelgewinne wie die Rallyecross-Europameisterschaft oder Weltrekordfahrten bewirken, aber zu Top-Ten-Platzierungen in den Verkaufscharts wichtiger europäischer Märkte brachten es die 340er und 360er nun doch. Vor allem verankerten die kleinen Niederländer ihre schwedische Muttermarke fest in der Kompaktklasse.

Am Ende fanden die über 15 Jahre gebauten Volvo 340/360 so viele Fans, dass sie noch lange parallel zu ihrem Nachfolger verkauft wurden. Loser waren die 340/360 also nicht, eher liebenswerte Longseller.

Die fünftürige Version der 340er-Baureihe hieß 345
Die fünftürige Version der 340er-Baureihe hieß 345Foto: Volvo

Neue Besen kehren gut

Vielleicht wäre etwas mehr Volvo-Finish für den 343 aber doch gut gewesen, zumal der Riemen-Vollautomat von den Medien als phlegmatisch (Vmax 145 km/h, 0-100 km/h in knapp 20 Sekunden) und trinkfreudig (über 12 Liter pro 100 Kilometer) kritisiert wurde. Das Ganze zu Preisen, die nicht dem Golf, sondern dem größeren Passat entsprachen. Beste Voraussetzungen für einen Fehlstart des neuen Volvos aus Born. Und tatsächlich: Statt der avisierten 100.000 Volvo 343 pro Jahr produzierten die Niederländer zunächst maximal 54.500 Einheiten.

Nun war Holland so in Not, dass die Gewerkschaften schon eine kurzfristige Werksschließung befürchteten. Gyllenhammar handelte aber rasch: Dynamischere Antriebe, qualitativer Feinschliff und große Modellvielfalt waren der Schlüssel zum Erfolg, nach dem die Niederländer anfangs vergeblich gesucht hatten. Damit wurden sogar Peinlichkeiten vergessen gemacht wie vergebliche Anfahrversuche der Fachpresse mit CVT-Modellen an starken Steigungen. Oder der nur noch minimale Preisabstand des kompakten 343 DL zum klassischen Panzerkreuzer 242 L, der als billige Einstiegsversion das ebenfalls lahmende Geschäft mit den großen Volvo 240/260 in Schwung bringen sollte.

Neustart des Volvo 343

Erst gesellte sich zum Dreitürer 343 der Fünftürer 345, dann entstand daraus die Volvo-340-Familie mit konventionellem Schaltgetriebe und einer breiten Motorenpalette. Selbst der zum Nebendarsteller degradierte 1,4-Liter-Benziner leistete nun agilere 51 kW/70 PS. Hinzu kamen aus dem Renault-Programm ein 1,7-Liter-Benziner mit 59 kW/80 PS und schließlich im 340 DL ein Diesel mit 40 kW/54 PS. Dieser Selbstzünder erwies sich mit einem Normverbrauch von 4,7 Litern als echtes Sparwunder, knauserte er doch erfolgreicher als der Golf Diesel. Seine Vielseitigkeit demonstrierte der Volvo 340 zudem als Van, waren doch City-Lieferwagen mit abgedeckten hinteren Fenstern in vielen europäischen Ländern beliebt.

Einen Imageschub sollte dagegen der 1982 vorgestellte Volvo 360 mit leistungsstarkem 2,0-Liter-Motor bringen, zumal es ihn auch als repräsentativere Stufenhecklimousine gab. Noch wichtigerfürs Prestige waren nur die motorsportlichen Siege, die der Volvo 360 in Europa und Australien erntete. Sogar eine Weltrekordfahrt war darunter: Auf dem Göteborger Flughafen Landvetter erreichte 1978 der Volvo (343) XD-1 mit Dieselmotor von Volkswagen zwischen startenden und landenden Linienjets 211 km/h – Dieselbestwert in der Klasse bis zwei Liter Hubraum.

1989 wird der 360 eingestellt, ebenso die viertürigen Stufenhecklimousinen
1989 wird der 360 eingestellt, ebenso die viertürigen StufenhecklimousinenFoto: Volvo

Sport auf der Straße gab es ebenfalls, etwa mit dem Volvo „R-Sport“, der es durch zwei Doppelvergaser und eine schärfere Nockenwelle auf 90 kW/123 PS Leistung brachte. Genug, um beim Sprintduell dem Golf GTI Paroli zu bieten. Dagegen schafften es zwei Concept Cars zur Freude der Konkurrenz nicht in die Serienfertigung: Das von Marcello Gandini für die Carrozzeria Bertone gezeichnete Coupé-Concept Tundra lieferte deshalb 1979 die Blaupause für den Citroen BX und der 1978 von Fiore gebaute Volvo 343 Van ist ein früher Vorläufer des Renault Espace. Als der Volvo 340 im Jahr 1988 mit dem Sondermodell „Millionaire“ in den Club der Produktions-Millionäre einzog, stand der nachfolgende Volvo 440 schon in den Schauräumen. So wie im richtigen Leben hält aber auch eine automobile Liebe auf den zweiten Blick oft länger, weshalb der Volvo 340 noch bis 1991 Basismodell im Volvo-Programm blieb.

Chronik Volvo 340/360:

1970: Der niederländische Autobauer Daf nimmt die ersten Entwürfe für das Projekt P 900 ab, das künftige Spitzenmodell Daf 77

1971: Volvo ist auf Expansionskurs, will neue Werke einrichten und neue Modellreihen lancieren. Die italienischen Designstudios Michelotti und Bertone und der Daf-Hausdesigner John De Vries präsentieren vier Designentwürfe für das Projekt P 900. Daf entscheidet sich für das Konzept von John De Vries, das bereits die Linien des Daf 77 bzw. des späteren Volvo 343 zeigt

Volvo 343 DL aus dem Jahr 1979
Volvo 343 DL aus dem Jahr 1979Foto: Volvo

1972: Volvo übernimmt einen Anteil von 33 Prozent der Daf-Aktien, obwohl Daf-Pkw in Schweden den zweifelhaften Ruf der qualitativ schlechtesten Autos genießen

1975: Ab dem ersten Januar hält Volvo 75 Prozent der Daf-Anteile. Am 1. Mai erfolgt die Umfirmierung der Daf Car B.V. in Volvo Car B.V. Trevor Fiore entwickelt noch auf Wunsch von Daf einen Alternativentwurf für das Projekt P 900. Volvo Chef-Designer Jan Wilsgaard entscheidet sich letztlich jedoch für das Design von De Vries unter Berücksichtigung einiger Fiore-Ideen. Wilsgaard ergänzt nur die Volvo-Sicherheitsstoßfänger und den charakteristischen Kühlergrill. Erstes Serien-Modell aus dem Daf-Erbe im Volvo-Programm wird der aus dem Daf 66 hervorgegangene Volvo 66

1976: Am 19. Februar feiert der Volvo 343 seine Pressevorstellung in Göteborg. Die Weltpremiere des 343 erfolgt im März auf dem Genfer Automobilsalon als dreitürige Schräghecklimousine (343 = Serie 300, 4 Zylinder, 3 Türen) mit serienmäßigem CVT-Getriebe. Marktstart im Spätsommer in den Ausstattungslinien 343 L (Basis) und 343 DL („De Luxe“). Der Motor stammt von Renault, das Getriebe ist eine Daf-Entwicklung, die Produktion erfolgt in Born/Niederlande

1977: Aufgewertetes Interieur durch Sitze wie im Volvo 240 und neue Instrumente. Volvo 343 Special als Jubiläums-Sondermodell, das an 50 Jahre Volvo-Autobau erinnert (mit Metallic Lackierung, GT-Streifen und schwarzer Armaturentafel). Volvo gewinnt mit einem 343 das schwedische Rallyecross-Championat

1988 wird die Volvo 300 Serie Produktionsmillionär
1988 wird die Volvo 300 Serie ProduktionsmillionärFoto: Volvo

1978: Sondermodell Volvo 343 Black Beauty. Ab August ist der Volvo 343 auch mit manuellem Vierganggetriebe lieferbar, der Anteil der Variomatic-Versionen sinkt bis 1982 auf 15 Prozent. Auf dem Göteborger Flughafen Landvetter startet der vom Volvo 343 abgeleitete Volvo XD-1 mit Dieselmotor von Volkswagen (der im Volvo 240 serienmäßig angeboten wird) zu Rekordfahrten. Der XD-1 verfügt über einen Fiberglas-Karosserie im Stil des Volvo 343, die 200 Kilogramm leichter ist als die die konventionelle Stahlblechkarosserie. Der mittels Garrett Turbolader auf 140 PS erstarkte Diesel beschleunigt den XD-1 bei Testfahrten auf 232 km/h. Die tatsächliche Weltrekordfahrt erfolgt bei kaltem, regnerischen Wetter zwischen zwei Starts von Linienjets nach Stockholm und Kopenhagen mit 211 km/h.

1979: Auf dem Genfer Salon präsentiert Bertone das Concept Car Volvo Tundra, ein Marcello-Gandini-Entwurf als Coupé auf Basis des 343. Volvo lehnt eine Serienfertigung des Coupés ab. Daraufhin präsentiert Bertone Citroen einen überarbeiteten Tundra-Entwurf, der als Citroen BX 1982 in Serie geht. Ab August wird der fünftürige Volvo 345 lieferbar. Neue Topausstattung 343 GL/345 GL („Grand Luxe“) mit getönter Verglasung und Sitzheizung. Volvo Deutschland bietet ein auf 125 Einheiten limitiertes Sondermodell an mit modifiziertem Zylinderkopf und Kurbelwelle von Oettinger. Dadurch 1,6 Liter Hubraum, 66 kW/90 PS Leistung und 165 km/h Höchstgeschwindigkeit

1980: Ab Herbst 343/345 DLS und GLS mit neuer Frontoptik und optionalem B19A-2,0-Liter-Vierzylindermotor, der allerdings nicht mit der Variomatic kombinierbar ist. Größerer Tank (57 statt 45 Liter). Die Stoßfänger reichen seitlich bis zu den Radhäusern. Sondermodell Volvo 343 Blue Special mit Chromrädern, blauer Sonderlackierung und GT-Streifen. Sondermodell 343 V.I.P. mit besonders umfangreicher Serienausstattung (bis 1981 verfügbar). Per-Inge Walfridsson gewinnt das europäische Rallyecross-Championat auf einem Volvo der 300er Serie

1981: Modellpflege im Sommer, erkennbar durch rechteckige Breitbandscheinwerfer, die die runden Leuchten ablösen

Volvo 345 GL aus dem Jahr 1980
Volvo 345 GL aus dem Jahr 1980Foto: Volvo

1982: Andere Nomenklatur ab Herbst, die Versionen Volvo 343/345 laufen nun als 340. Die GL-Typen erhalten serienmäßig ein Fünfganggetriebe, für alle 340 gibt es ein anders gestaltetes Interieur. Neu ist ab August der Volvo 360, der ausschließlich mit 2,0-Liter-Motoren angeboten wird und wahlweise als viertürige Stufenheckversion verfügbar ist. Limitierte Edition „R-Sport“ mit 2,0-Liter-Motor und zwei Solex-Doppelvergasern, schärferer Nockenwelle und 90 kW/123 PS Leistung. Beschleunigung des „R-Sport“ von Null auf 100 km/h in 10,0 s, Vmax 185 km/h. Der „R-Sport“-Kit wird auch für andere 2,0-Liter-Volvo 340/360 zur Nachrüstung angeboten. Außerdem ergänzt ein 340 Van (Lieferwagen, ohne hintere Fenster) auf verschiedenen Märkten das Programm. Basismodell 340 Winner auf verschiedenen Märkten verfügbar

1983: Verkaufsstärkstes Jahr für den Volvo 340/360. Der Volvo 340 ist auch als viertürige Stufenhecklimousine erhältlich. Neues Spitzenmodell 360 GLT („Grand Luxe Touring“) mit Benzineinspritzung und 85 kW/115 PS. Dagegen inkludiert der 360 GLE („Grand Luxe Executive“) Luxusdetails wie Velourspolsterung, Sitzheizung und Leselampen hinten

1984: Neue Ventilsitze und eine elektronische Zündung ermöglichen die Nutzung bleifreien Benzins. Der 360 GLT startet erfolgreich beim 24-hour-run auf dem Surfers Paradise Raceway in Queensland, Australien

1985: Marktstart in Japan und Singapur. Facelift im August mit neuen Stoßfängern, Blinkern in den Stoßfängern, anderen Rückleuchten und zwei neuen Motoren. Renault liefert einen 1,7-Liter-Vierzylinder mit 59 kW/80 PS und erstmals auch einen Diesel mit 40 kW/54 PS. Bis auf die dreitürige Basisversion mit 1,4-Liter-Triebwerk erhalten alle Volvo 340 ein Fünfganggetriebe. Beginn der CKD-Produktion der Volvo-300-Reihe in Kuala Lumpur in Malaysia. Die 300er Serie wird in Europa, Asien und Australien vermarktet, nicht aber in den USA

Digitale Welten: Der Innenraum der Volvo-Studie Tundra aus dem Jahr 1979
Digitale Welten: Der Innenraum der Volvo-Studie Tundra aus dem Jahr 1979Foto: Volvo

1986: Auf verschiedenen Märkten werden 340/360 mit ungeregeltem Katalysator lieferbar

1987: Sondermodell 340 Red Line. Drei-Wege-Katalysator wird verfügbar, der 360 GLT ersetzt den 360 GLE 1988: Sonderserien Blackline, Redline und Blueline mit entsprechenden Lackierungen und umfassender Ausstattung. Die Volvo 300 Serie wird Produktionsmillionär und Volvo feiert dieses Ereignis mit dem Sondermodell 340 Millionaire. Markteinführung des Volvo 440, des designierten Nachfolgers für den 340

1989: Der 360 wird eingestellt, ebenso die viertürigen Stufenhecklimousinen

1991: Produktionsende am 13. Mai. Letztes Auto ist ein weißer, fünftüriger 340 Produktionszahlen: Volvo 343/340/360 3türig 505.969 Einheiten, Volvo 345/340/360 5türig 434.266 Einheiten, Volvo 340/360 4türig 146.171 Einheiten

Wolfram Nickel/SP-X