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Wie Hersteller die Autoreifen revolutionieren wollen

Fahrtrichtung Zukunft

Mittwoch, 25. Okt. 2017

Die IAA 2017 ist zu Ende. Experten und Auto-Fans aus der ganzen Welt haben sich vom 14. bis 24. September nach Frankfurt am Main aufgemacht, um die neuesten Trends und Innovationen der Hersteller zu begutachten. Unter dem Motto „Zukunft erleben“ lag der Fokus auf digitaler Vernetzung, automatisiertem Fahren, Elektromobilität sowie urbanen Mobilitätskonzepten der Zukunft. Doch nicht nur die Autohersteller, auch die großen Reifenproduzenten haben in 2017 einen Ausblick auf die Zukunft gewagt und ihre Innovationen der Öffentlichkeit präsentiert. Und das nicht nur auf der IAA, sondern auch auf dem Genfer Autosalon 6 Monate zuvor. Das Ziel: Nicht weniger als eine Revolution bei der Herstellung von Autoreifen auf der Basis neuester Technologien. Wir zeigen Ihnen die spektakulärsten Visionen für den Autoreifen der Zukunft, welche die Hersteller in diesem Jahr der Öffentlichkeit präsentiert haben.

Michelins Visionary Concept – Die Natur als Vorbild

DieManufacture Française des Pneumatiques Michelin, besser unter ihrem Kurznamen Michelin bekannt, hat auf der IAA sein Visionary Concept vorgestellt, die wohl spektakulärste Reifenstudie des Jahres. Der französische Reifenhersteller sieht in der Zukunft ein unmittelbares Verschmelzen von Rad und Reifen in einem völlig neuen Produktionsverfahren: dem 3-D-Druck. Diese Technologie ist branchenübergreifend in aller Munde und beflügelt die Fantasie der Ingenieure und Designer gleichermaßen. Das „Visionary Concept“ auf der IAA zeigt einen futuristischen Reifen, dessen Oberfläche von einem organischen Netz umspannt wird, das gleichermaßen an Bienenwaben, Meereskorallen und ein Spinnennetz erinnert. Das Netz ist an der Radnabe am engsten geknüpft und weitet sich in Richtung des Laufrandes – die klassische Felge hätte damit ausgedient.

Foto: fotolia.com – lassedesignen #123242058

Auch das Material wird zum Laufrand hin immer elastischer. Das Grundprinzip das dahinter steckt: Umso größere Kräfte auf den Reifen einwirken, desto stabiler wird das Material und desto besser ist das Fahrzeug gefedert, was schließlich den Fahrkomfort erhöhen soll. Die eigentliche Revolution besteht jedoch darin, dass dieser Reifen ohne Luft auskommt. Wird die Studie einmal Realität, haben das Reifenaufpumpen und auch die ständige Kontrolle des Reifendrucks ausgedient. Da falsch aufgepumpte Reifen negative Auswirkungen auf den Kraftstoffverbrauch haben, würde der neue Reifentypus auch Umwelt und Geldbeutel schonen. Apropos Umweltschutz: Michelin will erreichen, dass der Reifen der Zukunft komplett biologisch abbaubar ist. Ob das „Visionary Concept“ jemals Produktionsreife erreicht, bleibt abzuwarten. Sicher ist: An innovativen Ideen fehlt es dem Reifenhersteller nicht, der in Europa, Japan und den USA eigene Versuchs- und Entwicklungszentren betreibt.

Auch Goodyear setzt auf die Sensortechnologie

Auch Michelin-Konkurrent Goodyear wusste auf der IAA durchaus zu gefallen. Großen Anklang fand auf der größten Automobilmesse der Welt ein namenloser Konzeptreifen, der in einem Joint Venture mit Land Rover vorgestellt wurde. Einen hohen Wiedererkennungswert hat vor allem das Profil des All-Terrain-Reifens, bestehend aus vielen kleinen ineinander geschobenen X-Formen, die Zwischenräume werden durch tiefe Rillen gebildet. Der Reifen haftet besser als herkömmliche Reifen auf verschiedenen Fahrbelägen – sowohl in der Stadt als auch im Gelände.

Wesentlich weiter in die Zukunft haben die Entwickler beim TurfCommand Non-Pneumatic Tire, einer der neuesten Innovation des US-amerikanischen Reifenherstellers, geschaut. Es handelt sich dabei um ein Konzept, bei dem platte Reifen endgültig der Vergangenheit angehören sollen. Bereits 2018 soll der TurfCommand Non-Pneumatic Tire zwecks Nachrüstung von Aufsitzrasenmähern ausgeliefert werden, wie lange allerdings die serienreife Fertigung für Automobile dauern wird, steht derzeit noch in den Sternen.

Foto: lassedesignen - stock.adobe.com

Wie beim „Visionary Concept“ von Michelin gibt es auch hier keine klassische Felge mehr, der Reifen verfügt laut auto-motor-und-sport.de „über eine thermoplastische Verbindungsstruktur, die eine einzigartige Kombination aus Steifigkeit und Flexibilität bieten soll. Damit soll die Konstruktion nicht nur schwere Lasten tragen können, auch passt sie sich durch den flexiblen Aufbau an den Untergrund an und kann so kleine Unebenheiten absorbieren.“ Auch die optimale Traktion sei auf diese Weise gesichert. Ein stabilerer Autoreifen-Typus würde sicher auch vom ADAC begrüßt, schließlich gehören defekte Reifen zu den häufigsten Autopannen überhaupt.  Noch weiter in die Zukunft hat Goodyear bereits im Frühjahr 2017 auf dem Genfer Autosalon geblickt und das gleich zweimal. Auf der einen Seite der kugelförmige Reifen Eagle 360 Urban, der sich den Fortschritt der künstlichen Intelligenz zum Vorteil machen will, auf der anderen Seite der IntelliGrip Urban, der das autonome Fahren optimieren soll.

Über die gesamte bionische Außenhaut des kugelförmigen Eagle 360 Urban verteilen sich wabenförmige Felder mit kleinen Vertiefungen, in die Sensoren eingelassen sind. Optisch erinnert der Konzeptreifen an einen futuristischen Fußball. Über die Sensoren sollen die Reifen in Echtzeit dem Fahrer Informationen zum Fahrbahnbelag liefern. Auch der Zustand des Reifens wird auf diese Weise kommuniziert. Der eigentliche Clou: Das Auto kann sich über die Kugelreifen mit anderen Fahrzeugen vernetzen, womit sich der Verkehr intelligenter steuern lässt. Umso mehr Fahrzeuge mit der Technologie ausgestattet sind und umso mehr Big Data gesammelt und analysiert werden, desto besser kann sich der Eagle 360 Urban an die Verkehrssituation und den Fahrbelag anpassen. Ob eine trockene und poröse, eine schneebedeckte oder eine nasse Fahrbahn, der Kugelreifen passt automatisch sein Profil an den Untergrund an. Die Ingenieure träumen zudem von einem Polymer-Überzug, der sich bei Abnutzungen und Beschädigungen eigenständig reparieren kann.

Und was zeichnet den Konzeptreifen IntelliGrip Urban aus? Es ist, wie der Name verrät, seine Intelligenz mit der er das autonome Fahren optimieren soll. Doch anders als der Eagle 360 Urban ähnelt der IntelliGrip Urban auf den ersten Blick vom Aufbau her einem konventionellen Autoreifen. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die Lauffläche deutlich schmaler und der Durchmesser deutlich größer ist als es heute der Standard ist. Dieser Aufbau soll den Rollwiderstand reduzieren und somit Energieverbrauch und Verschleiß eindämmen. Das wabenförmige Reifenprofil wird von Sensoren durchzogen, die Informationen (z.B. über die Witterungsbedingungen oder die Oberflächenstruktur der Fahrbahn) an das Steuerungssystem kommunizieren. So kann sich das autonom fahrende Auto hinsichtlich Fahrgeschwindigkeit bzw. Bremsverhalten der aktuellen Umgebung anpassen. Mittels der Sensortechnik soll es zudem möglich sein, Verschleiß und Schäden am Reifen zu überwachen und Daten zu sammeln, die in der Cloud zusammenlaufen und von denen alle Fahrzeuge, die mit dem IntelliGrip Urban ausgestattet sind, profitieren.

Pirelli setzt auf eine App

Bereits im Frühjahr hat Pirelli unter dem Namen Conesso ein Reifen-Monitoring-System vorgestellt. Von außen betrachtet erinnert der Conesso an einen Reifen aus der Formel 1, im innere befindet sich ein Sensor, der fleißig Informationen sammelt: Fülldruck, Reifen- und Fahrbahntemperatur, Abrieb und die statische Belastung. Diese Informationen werden in die Cloud des italienischen Traditionsunternehmens eingespeist und an das Steuerungssystem des Fahrzeugs übermittelt. In Echtzeit werden die gesammelten Daten ausgewertet und mittels einer eigenen Smartphone-App visuell ansprechend und leicht verständlich aufbereitet. Die App zeigt bei Bedarf die Werkstätten und Reifenhändler in der Nähe an, sogar Termine können hier mit ein paar Klicks vereinbart werden.

Auch Bridgestone lässt die Luft aus den Reifen

Für alle diejenigen, denen das Zusammenspiel von einer ausgefeilten Sensortechnologie zu sehr nach Zukunftsmusik gelingt, hat Bridgestone einen pannensicheren Konzeptreifen in der Entwicklung, der schon 2019 zumindest für Fahrräder Marktreife erlangen soll: das Air Free Concept. Anstelle eines luftgefüllten Gummireifens tritt hier ein Speichensystem aus Harz und eine dünne Lauffläche aus Kunststoff. Das Gewicht der Reifen und die für die Produktion benötigte Menge an Rohstoffen könnten so deutlich reduziert werden, was der Umwelt zu Gute kommen würde.