DS - Haute Société

Peugeot 604 mit Präsident Valerie Giscard d'Estaing 1977 | Foto: Peugeot

Peugeot 604 mit Präsident Valerie Giscard d'Estaing 1977 | Foto: Peugeot

Vor 40 Jahren wurde die Französische Oberklasse erweitert

Eine neue Premiummarke namens DS und ein neuer Renault Espace als luxuriöser Crossover – gerade will Frankreich einmal mehr die automobile Nobelklasse erobern. So wie zuletzt vor 40 Jahren als die Extravaganz von Citroen, Renault und Peugeot alle Pariser Präsidenten- und Vorstandsparkplätze besetzte. Weniger glücklich waren die Gallier auf anderen Märkten.

Sie erheben Führungsanspruch, genau so wie ihre präsidialen Passagiere von Valéry Giscard d’Estaing bis François Hollande. Die Flaggschiffe von Citroen (und seit diesem Jahr DS als Edel-Division von Citroen) sowie von Renault und Peugeot finden sich seit 40 Jahren paritätisch im Fuhrpark des Pariser Élysée-Palasts. Waren es bis 1975 vor allem Citroen DS und SM, in denen sich die französischen Staatsoberhäupter chauffieren ließen, gab es nun neue Sechszylinder von Peugeot und Renault, die adäquate Repräsentation für politische und gesellschaftliche Prominenz ermöglichten. Sei es als Peugeot 604 in elegantem Pininfarina-Design oder als avantgardistischer Fließheckfünftürer Renault 30. Wer weiterhin die Marke im Zeichen des Doppelwinkels bevorzugte, für den fuhr dagegen der futuristische Citroen CX vor. Dieser begnügte sich zwar mit einem Vierzylinder, wurde jedoch mit dem damals wichtigsten Medienpreis „Auto des Jahres 1975" und dem begehrten Designpreis „Prix de Style" ausgezeichnet. Erstmals seit 1945 präsentierte sich so ein Topmodell-Trio im Zeichen der Trikolore, das aber kaum unterschiedlicher sein konnte, auch was den Erfolg betraf.

Das galt auch für Deutschland, wo die gallische Extravaganz eine begehrenswerte Alternative zu BMW und Mercedes sein wollte. Mit dieser Mission startete der Citroen CX hierzulande im Februar 1975 und damit exakt zwei Monate vor dem Produktionsende der göttlichen DS, die vom stromlinienförmigen Cw-Weltmeister CX (steht im französischen für Cw-Wert) beerbt wurde. Der Peugeot 604 SL folgte im Juni und passend zur Frankfurter IAA stand der revolutionäre Renault 30 TS bereit, der die Sechszylinder-Klasse mit seiner riesigen Heckklappe erobern wollte. Gerade rechtzeitig, bevor der ebenfalls fünftürige Rover 3500 V8 für noch mehr Furore sorgte und der erste Audi 100 Avant beiden Vorbildern folgte. Während die neue automobile Haute Société in Frankreich an das Goldene Zeitalter vor dem Zweiten Weltkrieg erinnerte, als die meisten wirklich prestigieusen Autos noch Kinder der Grande Nation waren, zählten die Siebziger-Jahre-Spitzenmodelle von Citroen, Peugeot und Renault östlich des Rheins nie wirklich zur High Society. Begann diese doch nach deutschen Maßstäben erst in der Leistungsliga von Mercedes S-Klasse, BMW 3,0-Liter-Limousinen oder Opel Diplomat V8. Und selbst in der Auseinandersetzung mit den mittelgroßen BMW 5er, Mercedes-Benz 200 bis 280 oder Opel Commodore und Ford Granada hatten es alle Importeure nie wirklich leicht. Es sei denn, sie konnten durch Individualität und Futurismus begeistern, so wie es erstmals dem Citroen DS gelungen war.

Citroen CX 25 TRI Break 1984 | Foto: Citroen

Citroen CX 25 TRI Break 1984 | Foto: Citroen

Zu Deinem Neuwagen

Eine gute Ausgangssituation also für den neuen Citroen CX, die er zu nutzen wusste. Seine Erfolgsformel: Profane, dafür preiswerte Vierzylindermotoren, dazu feine Pallas-Ausstattung und das alles verpackt in spektakuläre Formen. Tatsächlich hatte Designer Robert Opron ein skulpturales automobiles Kunstwerk entworfen, das sich nicht hinter dem Citroen DS verstecken musste. Diesen sensationellen automobilen Eigensinn honorierten sogar die deutschen Käufer. Schon 1976, im ersten vollen Verkaufsjahr, gelangen dem CX knapp 10.000 Zulassungen, während Peugeot vom 604 nur 4.155 Einheiten absetzen konnte und sich Renault gar mit 3.679 verkauften 30 TS zufrieden geben musste. Zahlen, die aber ganz nach dem Geschmack der süddeutschen Premiumhersteller waren. Schließlich war den französischen Marken noch im März 1975 der Coup gelungen, mit ihren großen Limousinen die absoluten Stars des Genfer Salons zu enthüllen und so die Titelseiten der Medien zu erobern. Zumal sich die Sechszylinder Peugeot 604 und Renault 30 mit Preisen präsentierten, die um bis zu 35 Prozent unter den deutschen Platzhirschen lagen.

Beide Gallier blieben letztlich aber schon zu Lebzeiten Geheimtipps, im Rückblick zählen sie sogar zu den vergessenen Größen. Gesamt-Produktionszahlen von nur etwa 150.000 Einheiten liefern da eine leicht erkennbare Erklärung. Woran lag es? Der Renault 30 übertrug das erstmals beim Renault 16 von 1965 präsentierte Konzept einer eleganten Fließhecklimousine mit praktischer Heckklappe in die Oberklasse, wo es außerhalb Frankreichs schlicht nicht akzeptiert wurde. Ein Schicksal, das übrigens auch den Audi 100 Avant von 1977 ereilte. Vorübergehend europäischer Standard wurde die fünftürige Karosserieform erst Mitte der 1980er Jahre, da hatte der Renault 30 das Feld bereits seinem Nachfolger Renault 25 überlassen, der nun immerhin die Früchte ernten konnte, die einst der R 30 gesät hatte.

Zumal der R 25 solider gebaut war. Zeigte Renaults erster Nachkriegs-V6 doch noch Qualitätsmängel, die zumindest für kritische deutsche Käufer jenseits der Toleranzgrenze waren und sogar Dauertestwagen der Fachpresse zu oft in die Werkstatt zwangen. Derartige Defizite plagten den Citroen CX übrigens noch massiver, ein Pressefahrzeug verbrachte während seines 18-monatigen Dauertests sogar 65 Tage mit Werkstattaufenthalten. Dennoch wurde dieses Laissez-faire für Citroen-Fans durch das Faszinationspotential der großen Limousinen und riesigen Kombis aufgewogen. So brachte es das Citroen-Topmodell bis 1991 auf eine Gesamtstückzahl von stolzen 1,2 Millionen Einheiten. Mit der damals oft zitierten Panzerschranksolidität eines Mercedes konnte übrigens nicht einmal der in gediegenem Design vorfahrende Peugeot 604 aufwarten. Dafür garantierte wenigstens Frankreichs erster moderner V6 sowohl im Peugeot wie im Renault 30 standesgemäßen Vortrieb. Den Leistungszenit reklamierte dabei die Löwenmarke, denn der Peugeot 604 hielt etwa im Jahr 1977 stolze 100 kW/136 PS bereit, während es beim R 30 TS nur 92 kW/125 PS waren und sich der Vierzylinder im Citroen CX 2400 lediglich 85 kW/115 PS entlocken ließ.

Nicht zu vergessen das Verdienst unserer westlichen Nachbarn um den Selbstzünder, war es doch vor allem der Peugeot 604, der den Diesel endgültig gesellschaftsfähig machten. So bot der 604 ab 1979 nicht nur den ersten in Europa verfügbaren Turbodiesel, er wurde auch zur ersten Selbstzünder-Staatslimousine mit verlängertem Radstand. Zuvor aber setzte der Citroen CX noch einen Diesel-Meilenstein. Nach einem Anfang 1978 erfolgten Facelift präsentierte sich der CX 2500 D nicht nur in nobler Pallas-Ausstattung, sondern auch mit 55 kW/75 PS Leistung. Genügend Kraft für das Cw-Wunderauto, um mit einer Vmax von 156 km/h den Titel der schnellsten Diesel-Limousine der Welt zu reklamieren. Exakt ein km/h schneller als der Mercedes 300 D mit Fünfzylinder-Diesel war der Vierzylinder-Franzose, mit einem Normverbrauch von 6,1 Liter bei 90 km/h jedoch zugleich über 20 Prozent sparsamer als der Sternträger. Auch der Renault 30 wurde als Turbodiesel lieferbar, konnte aber die Verkaufszahlen des Fünftürers nicht mehr befeuern. Manchmal genügt es nicht, seiner Zeit vorauszufahren. Weshalb die 2014 gegründete französische Avantgarde-Marke DS Automobiles stets ihre Vergangenheit zitiert, auch wenn die göttliche DS noch stolz das Citroen-Logo zur Schau stellte.

Peugeot 604 STI und 604GRD Turbo | Foto: Peugeot

Peugeot 604 STI und 604GRD Turbo | Foto: Peugeot

Chronik:

1974: Premiere für den ersten französischen Sechszylinder der Nachkriegsära im Peugeot 504 Coupé V6. Publikumsvorstellung des Citroën CX auf dem Pariser Automobilsalon nach vorhergehendem Pressedebüt im August. Im Dezember deutscher Vertriebsstart für den CX 2000

1975: Weltpremiere Peugeot 604 SL und Renault 30 TS auf dem Genfer Salon. Deutsche Händlerpremiere für Citroen CX im Februar, für Peugeot 604 im Juni und für Renault 30 TS im September. Im November wird der Citroen CX Break vorgestellt. Citroen-Top-Modell ist schon seit September der CX Pallas mit Diravi-Servolenkung. Im selben Monat wird mit dem CX Diesel das erste Serien-Dieselfahrzeug von Citroën in Serienproduktion geschickt. Als Staatslimousinen von Citroen werden zwei CX Prestige lanciert

1976: Citroën und Peugeot schließen sich zusammen zu PSA Peugeot Citroën. Im Februar 1976 wird der CX 2400 Prestige eingeführt. Als Schwestermodell des Renault 30 wird der einfacher ausgestattete Renault 20 in Deutschland eingeführt

1977: Im Mai läuft die Fertigung des Citroën CX GTi mit Benzineinspritzung an

1978: Bis 1984 produziert Heuliez Langversionen des Peugeot 604, die auch als Staatskarossen eingesetzt werden

1979: Im Februar wird der Peugeot 604 Diesel Turbo vorgestellt als erster in Europa erhältlicher Pkw mit Turbo-Diesel-Motor. Präsentation des Renault 30 TX mit K-Jetronic-Einspritzung

1980: Im Herbst feiert der Tagora als neues Spitzenmodell von Talbot Weltpremiere. Talbot ist eine Marke des Konzerns PSA Peugeot Citroen

1982: Der Renault 30 Turbo Diesel fährt in die Schauräume der Händler

1983: Einführung des Peugeot 604 GTD turbo mit 2,5-Liter-Dieselaggregat als Nachfolger des 2,3-Liter-Selbstzünders. Der 604 GTI mit 2,85-Liter-V6 und 110 kW/150 PS Leistung wird neuer Leistungsträger

1984: Nachfolger des Renault 30 wird der Renault 25

1985: Die Produktion des Peugeot 604 läuft aus

1987: Die Leistung des CX Turbodiesel wird durch höheren Ladedruck und Ladeluftkühler auf 120 PS gesteigert. Genug für den Titel „Schnellster Vierzylinder-Diesel der Welt"  mit einer Vmax von über 190 km/h. Am 30.Oktober wird der CX Produktionsmillionär

1989: Der Peugeot 605 tritt die Nachfolge des 604 an. Im Mai läuft die Fertigung der CX Limousinen aus. Vorstellung des Nachfolgers Citroen XM

1991: Im Mai läuft bei Heuliez die Kombiversion Break aus. Insgesamt wurden 1.170.645 CX produziert

Ausgewählte Produktionszahlen

Citroen CX: 1.170.645 Einheiten (1974-1991)

Peugeot 604: 153.256 Einheiten (1975-1985)

Renault 30: ca. 145.000 Einheiten (1975-1984)

Renault 25: 781.000 Einheiten (1984-1992)

Wolfram Nickel/SP-X




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