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US-Autohauptstadt Detroit schwelgt in Euphorie

Dienstag, 13. Jan. 2015

Für zwei Wochen steht Amerikas einstige Autohauptstadt Detroit im Focus. Die internationale Autoindustrie gibt sich in den USA ein Stelldichein und lässt sich und ihre Absatzrekorde feiern. Dabei ist die nur noch 700.000 Einwohner zählende einstige Millionenmetropole längst bankrott. Eine Momentaufnahme von der Grenzlinie zwischen automobilem Luxus und real existierender Tristesse.

Für zwei Wochen steht die einstige Autohauptstadt Detroit im Focus.
Für zwei Wochen steht die einstige Autohauptstadt Detroit im Focus.Foto: SP-X/Hanne Lübbehüsen

Für zwei Wochen steht die einstige Autohauptstadt Detroit im Focus. | Foto: SP-X/Hanne Lübbehüsen

Für zwei Wochen steht die einstige Autohauptstadt Detroit im Focus

Die internationale Autoindustrie gibt sich in den USA ein Stelldichein und lässt sich und ihre Absatzrekorde feiern. Dabei ist die nur noch 700.000 Einwohner zählende einstige Millionenmetropole längst bankrott. Eine Momentaufnahme von der Grenzlinie zwischen automobilem Luxus und real existierender Tristesse.

Die große Autoshow in der Wiege der US-Autoindustrie sonnt sich im PS-Glanz und Absatz-Gloria dank atemberaubender Rekordzahlen fast aller Hersteller. Die Amerikaner freuen sich über den niedrigen Spritpreis und stürmen überall im gesegneten Autoland die Händler. Ein paar hundert Meter von der Detroiter Jubelmesse entfernt die Kehrseite des Booms: Leerstehende Wolkenkratzer und dickvermummte Obdachlose, die der Eiseskälte trotzen. Reichlich Neuschnee vermischt mit tonnenweise gestreutem Salz verdeckt die Risse in den Straßen. Dennoch darf die einstige Millionenstadt Detroit in diesen Tagen für zwei Wochen vergessen, dass sie eigentlich pleite ist und einem Insolvenzverwalter untersteht, der mächtiger ist als der gewählte Bürgermeister. Danach sind die Heerscharen von Automanagern, Journalisten, Hostessen und Catering-Mitarbeiter wieder abgereist, die LED-Scheinwerfer der Detroit Motor Show verloschen und die Lautsprecher-Boxen auf den Ständen abgebaut. Motown hat wieder den Blues. Die Realität einer kranken Stadt tut der Euphorie in den Messehallen entlang des Detroit River keinen Abbruch. Man hatte sich auf die Gäste aus aller Welt gut vorbereitet: Die verschneiten Straßen in der lange verödeten Innenstadt wurden schnell geräumt, die Weihnachtsbeleuchtung illuminiert die Innenstadt auch noch gut drei Wochen nach dem Fest und Musik aus versteckten Lautsprechern beschallt die Hauptstraßen. Sogar die Straßenlaternen wurden durch neue Glühbirnen reaktiviert. Lucy will Lehrerin werden, bessert sich ihr studentisches Erspartes dadurch auf, indem sie in Diensten einer Agentur die Gäste der ersten großen Autoausstellung des Jahres von einer Party zur anderen chauffiert. „Hier wird etwas inszeniert, war nicht der Wirklichkeit entspricht. Ein normales Leben in einer Großstadt mit Ordnung, Sauberkeit und auch Sicherheit“, meint sie mit ernster Stimme und fügt schnell hinzu: „Aber ein bisschen was hat sich dennoch getan in den letzten Jahren“. Die junge Frau mit den langen blonden Haaren ist zu jung, um den Niedergang ihrer Heimatstadt selbst erlebt zu haben. „Ich kenne mein Detroit nur als sterbende Stadt, die von ihren Einwohnern schon vor Jahren verlassen wurde. Wir haben als Jugendliche immer einen großen Bogen um das Zentrum gemacht“. Sie verschont die neugierigen Besucher mit der bitteren Wahrheit, mit Fakten zur beängstigenden Kriminalität, in deren Statistik mehr Morde zu verzeichnen sind als im zehnfach größeren New York. Sie spricht nicht über die allnächtlichen Raubüberfälle und Einbrüche, über die Hilflosigkeit der im Rest des Landes so übermächtigen Polizei. Und wo ist nun das „Bisschen“, das sich geändert hat? In der Tat sind viel mehr der alten Häuser wieder mit Leben erfüllt als in den letzten Jahren. In einst verlassenen Bürogebäuden haben sich Szene-Kneipen etabliert. Firmen mieten für vergleichsweise wenig Miete ganze Etagen in den von Inverstoren entkernten Uralt-Bauten. Dazwischen auch einige neu errichtete Geschäftshäuser. In der einstigen Prachtstraße Woodward gibt es sogar wieder einige geöffnete Geschäfte, den Sushi-Laden, die Apotheke oder die Wäscherei. Auf den Innenstadt-Straßen, die in den letzten Jahren so verlassen wirkten wie Deutschland dereinst beim Fahrverbot wegen der Energie-Krise, kommt es sogar wieder zu richtigen Staus. Ganz langsam scheint die Metropole reanimiert zu werden. Die Stadt, die durch ihre Musik, natürlich die Autos und auch den Reichtum in den 40er-Jahren berühmt geworden ist, entdeckt sich wieder neu. Ken, der uns vor dem Nobel-Hotel, das einst die Cadillac-Zentrale beherbergte, die Tür des Mercedes geöffnet hatte, nennt auf Naschfrage ein für Detroit typisches Beispiel und zeigt dabei auf einen verlassenen Wolkenkratzer schräg gegenüber. Er ist in Dunkelheit gehüllt, die Fassenden sind braunschwarz getüncht. Doch ganz oben, etwa im 40. Stock, brennt jeden Abend Licht. „Da hat ein reicher Mann zwei Etagen gekauft und zur Wohnung ausgebaut“, berichtet der Rentner, der früher einmal für einen Bremsenhersteller tätig war. „Wir haben ihn nie zu Gesicht bekommen und fragen uns nur, ob in dem leeren Hochhaus überhaupt noch der Fahrstuhl funktioniert“. Einzelfälle, die am grundsätzlichen Problem nichts ändern. Es leben nur wenige Menschen in der Innenstadt, die meisten sind in die Umgebung abgewandert oder sind den Konzernen in andere Bundesstaaten gefolgt, in denen mit staatlicher Unterstützung neue, moderne Fabriken eröffnet wurden und in denen weniger Löhne gezahlt werden müssen als im von Gewerkschaften beherrschten Detroit. Hotelportier Ken, der im Sommer 66 Jahre alt wird, liest eifrig Zeitung und weiß zu berichten, dass Präsident Obama in der Woche vor der Messe-Eröffnung in einem der noch bestehenden Ford-Werke zu den Beschäftigten sprach. „Er hat uns Mut gemacht, dass wir die Wende schaffen werden und dass unsere großartige Stadt wieder zu altem Ruhm zurückfindet“. Für Ken selbst gilt das sicher nicht: Wenn die Detroit Motor Show zu Ende ist, ist er seinen Job als Auto-Türöffner vor der Luxusherberge los, kehrt zurück in einen Vorort hinter die Kasse eines Supermarkts und verpackt die Einkäufe der Kunden in eine Unzahl von Gratis-Plastiktüten. Die Auto-Karawane ist dann längst weitergezogen. In Richtung Genf, der Stadt der Banken und der sündhaft teuren Schweizer Uhren. Im März beginnt dort der Genfer Autosalon, die zweite Station im globalen Messe-Express.

Peter Maahn/SP-X