Aston Martin Vanquish - Zwölf Kerzen

Aston Martin Vanquish Foto: Aston Martin

Aston Martin Vanquish - Zwölf Kerzen für ein Happy Birthday

Der Himmel grau, der Regen schon fast zu greifen, die Scheiben trübe und die Wände aus schartigen Backsteinen: Wer bei Aston Martin Works in Newport Pagnell über den Parkplatz läuft, der glaubt, für die Briten sei die Zeit stehen geblieben. Doch der erste Eindruck täuscht. Zwar feiert das Unternehmen im Januar 2013 seinen 100. Geburtstag und legt deshalb gerade jetzt besonders viel Wert auf Tradition. Doch längst hat der Sportwagenhersteller mit der Sanierung seines alten Hauptquartiers begonnen und die alten Hallen in einen piekfeinen Showroom samt Werkstatt für Sonderwünsche und Oldtimer-Restaurierungen verwandelt. Die Produktion ist mittlerweile eine Stunde weiter nördlich nach Gaydon gezogen, und auch die Modelle sind neuer denn je.

Kein Auto beweist das besser als das Flaggschiff Vanquish, mit dem sich Aston Martin schon jetzt das schönste, größte und stärkste Geburtstagsgeschenk der Einfachheit halber selbst macht. Auch dieser Sportwagen kommt einem trotz fünf Jahren Produktionspause auf den ersten Blick sattsam bekannt vor. Doch außer dem Namen, dem Format und der Aluminium-Struktur im Inneren hat der neue Vanquish nichts mehr gemein mit jenem Tiefflieger, der 2002 präsentiert wurde und das Comeback der Marke mit dem „Wing“ im Kühlergrill beflügelte.

Das neue Design ist inspiriert vom millionenschweren Supersportwagen One-77. Die Karosserie ist jetzt wegen der schöneren Formen und nicht wegen des Gewichts aus Karbon gebacken, statt aus Aluminiumblechen gebogen. Innen gibt es ein wenig mehr Platz, ohne dass man die beiden Kuhlen im Fond tatsächlich Sitze nennen möchte. Und der Kofferraum hat jetzt mit 368 Litern fast das Format des neuen Golfs. Außerdem klappt aus der Mittelkonsole ein neues Navigationssystem aus und die Sensortasten für Klima & Co erinnern hinter ihrem dunklen Glas nicht von ungefähr an iPhone und iPad.

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Aber das wichtigste bei einem Sportwagen ist natürlich der Motor. Der hat zwar noch immer zwölf Zylinder und sechs Liter Hubraum und wird auch weiterhin von Aston-Martin-Spezialisten in einer Ford-Halle in Köln produziert. „Aber außer dem Hubraum ist nichts mehr wie es war“, sagt Entwicklungschef Ian Minards. Block, Kopf, Ventilsteuerung – alles wurde neu entwickelt. Statt damals 460 hat der Vanquish deshalb jetzt 573 PS und das maximale Drehmoment steigt von 502 auf 620 Nm.

Aston Martin Vanquish Motor Foto: Aston Martin

Dass ein Auto dieses Kalibers genügend Vortrieb entwickelt, ist keine Überraschung. Und dass man zum Überholen kaum mehr als einen Wimpernschlag braucht, gilt in diesen Kreisen als gesetzt. Doch was so sehr beeindruckt am Vanquish ist die kultivierte Art der Kraftentfaltung. Als zöge der Sportler seinen Smoking niemals aus, fühlt man selbst beim Zwischensprint keine echte Eile und selbst weit jenseits der Richtgeschwindigkeit hat man noch einen ruhigen Puls.

Zumindest, bis man die beiden Sporttasten links und rechts im Lenkrad drückt oder dem Bleifuß alle Freiheit lässt. Dann wird auch der Leisetreter laut und brüllt aller Welt seine immense Leistung entgegen. Das Fahrwerk wird steifer als es den Bandscheiben lieb ist, man rutscht tiefer in den Sitz, spürt bei jedem Sprint die Faust in der Magengrube und rast schneller dem Horizont entgegen, als die Augen fokussieren können. 4,1 Sekunden von 0 auf 100 und 295 km/h Spitze – im Autoquartett muss sich der Vanquish damit zwar von manch anderen Spitzensportlern bezwingen lassen. Aber auf einer holprigen englischen Landstraße ist er kaum zu toppen.

Dabei ist der Vanquish nicht nur auf der Geraden schnell. Sondern mit seinen 1,7 Tonnen für ein V12-Modell vergleichsweise leicht und vor allem perfekt ausbalanciert, lässt er sich auch bei hohem Tempo sicher und sauber um die Kurven zirkeln. Dabei hilft ein beinahe eckiges Lenkrad und eine Steuerung, die so direkt übersetzt ist, dass man selbst in Spitzkehren nicht umgreifen muss: Anbremsen, einlenken, durchziehen, davonfahren: Kaum hat man eine Kurve gesehen, verschwindet sie im Vanquish auch schon wieder im Rückspiegel. So könnte die Fahrt auf ewig weiter gehen und mit jeder Kurve freut man sich selbst am reduzierten Verbrauch. Nicht weil einen Aston-Martin-Kunden wirklich interessieren würde, ob jetzt nur noch 14,4 statt früher fast 20 Liter auf 100 Kilometer durch die Zylinder rauschen. Sondern weil man so noch ein paar Kurven mehr genießen kann, bis einen der Bordcomputer zur Pause an der Tankstelle zwingt.

Aston Martin Vanquish Cockpit Foto: Aston Martin

Bei aller Begeisterung bietet der Vanquish allerdings auch genügend Raum für Kritik – vor allem, wenn man den Preis von 249 995 Euro im Hinterkopf hat. Dann freut man sich zwar an Lack und Leder. Aber man stört sich auch an schlampig gesetzten Nähten und schrägen Stichen. Man wundert sich über die billigen Lenkstockhebel aus dem Ford-Regal und das sattsam bekannte Navigationssystem. Und man runzelt die Stirn über das laute und deutliche Knistern im Gebälk des ansonsten so steifen Karbon-Renners.

Am meisten irritiert einen aber das Fehlen jedweder Assistenzsysteme. Es mag ja sein, dass Aston-Martin-Fahrer in den Augen von Firmenchef Ulrich Bez so routiniert und weitsichtig sind, dass sie auf solche Extras gutverzichten können. Und eine Start-Stopp-Automatik will in einem Sportwagen nun wirklich keiner haben. Doch eine automatische Abstandsregelung oder zumindest eine elektrische Handbremse gehören in dieser Preisklasse im Jahr 2012 einfach zum guten Ton. Die trüben Fenster in Newport Pagnell sind schnell gewienert, die Backsteinmauern bald frisch verputzt und selbst der Himmel ist am Ende der Testfahrt wieder strahlend blau. Nur der antiquierte Handbremshebel halb unten im Fußraum des Testwagens zeugt davon, dass die Zeit bei Aston Martin vielleicht doch ein wenig stehen geblieben ist.




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