Porsche 911 Turbo – In andere Sphären

Porsche 911 Turbo Neuwagen       

Foto: © Alexander Schraufstetter                     

Porsche 911 Turbo – Ausflug in andere Sphären

Ein Fahrbericht von unserem Autoredakteur Dietmar Stanka

Norisring 1975. Bei einem der vielen Besuche auf meiner Heimatrennstrecke kam ich das erste Mal nahe an einen Porsche 911 Turbo. Die ONS-Streckenstaffel fuhr einen der ersten Turbos der Zuffenhausener Sportwagenschmiede und die beiden Marschalls gönnten mir mehr als nur einen Blick ins Auto. Ein Hammergeschoss schon damals und für mich ein absoluter Hochgenuss.

Zu Deinem Neuwagen

Knapp 40 Jahre später, die Jugend kam ein bisschen in die Jahre, der neue Porsche turbo S lässt aber alles an jugendlicher Begeisterung wieder aufleben. Wieder einmal ein Hammer, heute mit Allradantrieb und Doppelkupplungsgetriebe. Vier Dekaden vorher noch ein pures Automobil ohne elektronische Helferlein, die heutzutage nicht mehr wegzudenken sind.

Porsche 911 Turbo Neuwagen

Foto: © D.Stanka

Formensprache

Ein Bild von einem Automobil. Die so typisch ausladenden hinteren Kotflügel des Turbo, 28 mm mehr Volumen als bei den 911 Carrera 4-Modellen, lassen dieses Modell noch satter auf der Straße liegen. Vorne zeugen große Lufteinlässe von dem Durst nach Sauerstoff des 3,8-Liter-Biturbos. Unter den Radhäusern sind vorne 245er und hinten 305er auf 20 Zoll großen Felgen montiert. Auf Wunsch auch mit Zentralverschluss für 3.510,50 Euro Aufpreis (Serie Turbo S).

Das Interieur folgt den Tugenden der Vorgänger und überzeugt mit hoher Qualität, bester Verarbeitung und optimaler Ergonomie. Auf der hinteren Sitzbank ist nach wie vor Platz für zwei Menschen, entsprechende Verrenkungsmöglichkeiten vorausgesetzt. Ansonsten ist dieser Platz auch für längere Reisen zu zweit gut nutzbar, sozusagen als Ergänzung für das Kofferraumabteil im Bug.

Porsche 911 Turbo Neuwagen

Foto: © Alexander Schraufstetter

Performance

Bilster Berg. Eine Rennstrecke im Nirgendwo zwischen friedlich weidenden Kühen, glücklichen Schweinen und Windkraftanlagen. Bad Driburg liegt nicht weit entfernt und auch Paderborn gehört zur näheren Umgebung. Auf einem ehemaligen Gelände der britischen Armee hat sich ein Konsortium um Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff den Traum einer Rennstrecke erfüllt.

Ein Revier, perfekt auf den Porsche 911 Turbo zugeschnitten. Kurven mit wechselnden Seitenneigungen, eine Gerade mit Wellen, die das Auto schier ausheben, uneinsehbare Passagen, blind zu fahrende Kuppen und eine Mausefalle. Der wohl extremste Streckenabschnitt am Bilster Berg beginnt mit einer Links die in ein steiles Gefälle mit 26 Prozent Neigung führt. Dem nicht genug, macht die Kurve zu, bevor sie sich bergab wieder zu einer Geraden öffnet.

Eine der vielen Höhepunkte, den Porsche 911 Turbo an vermeintliche Grenzen zu führen. Aber halt. Schließlich ist der genialste deutsche Rallyefahrer Walter Röhrl bei uns, um wirklich mal in die Nähe eines Grenzbereichs zu fahren. Drei Runden mit ihm zaubern nicht nur ein unauslöschliches Lächeln ins Gesicht, es ist die Ehrfurcht vor dem unwahrscheinlichen Fahrkönnen des mittlerweile 66-jährigen Regensburger, die tatsächlich bleibt.

Aber selbst eine Ikone wie Walter Röhrl kann den schier unendlich weit entfernten Grenzbereich des neuen Porsche 911 Turbo nur annähernd erreichen. Beim späten Anbremsen auf der Start- und Zielgerade vielleicht, wo es in einem scharfen Rechtsknick bergauf führt oder in der Mausefalle, die trotz Allradantrieb leicht quer geht.

Selbst hinterm Steuer, heißt es rantasten an die „tricky“ Strecke, wie Röhrl uns im Interview immer wieder erläutert. Runde um Runde wird schneller. 520 PS unterm Hintern. Die Spitze von 315 km/h und die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3,4 Sekunden (mit Sport Plus 3,2 Sekunden) wollen selbst bei einem solch gutmütig ausgelegten Supersportler beherrscht werden.

Porsche 911 Turbo Neuwagen

Foto: © Alexander Schraufstetter

Leicht macht einem das unter anderem die ausgewogene Balance, die durch eine Vielzahl von Hochleistungskomponenten erreicht wird. Ein Beispiel ist die adaptive Aerodynamik mit dem mehrstufig ausfahrbarem Bugspoiler sowie dem in Höhe sowie Neigung verstellbarem Spaltflügel. PAA (Porsche Active Aerodynamics) steuert Frontspoiler und Heckflügel in drei grundsätzlichen Modi. Beim Start grundsätzlich eingefahren, was den vorne den Böschungswinkel auf 10,3 Grad und die Bodenfreiheit auf 156 mm erhöht, ist dieser Modus bis 120 km/h Standard.

Darüber wird der Speedmodus aktiviert, sofern man nicht selbst über die Sport Plus oder die Aerodynamik-Taste eingreift. Dieser lässt die beiden äußeren Segmente per Luftdruck nach unten und den Heckflügel um 25 mm nach oben fahren. Im Performance-Modus, der den Abtrieb auf 132 kg erhöht, wird auch der Mittelteil der Frontlippe ausgefahren und der Flügel stellt sich auf eine Höhe von 75 mm auf und wird gleichzeitig um 7 Grad nach vorne angewinkelt. So justiert, verringert sich die Rundenzeit auf der Nürburgring-Nordschleife zum Speedmodus um 2 Sekunden!

Einen weiteren Akzent in Richtung weiter verbesserter Fahrdynamik setzt die neue Hinterachslenkung. Diese ermöglicht auf der einen Seite bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h einen Wendekreis von 10,60 m, auf der anderen wird die Performance bei hohen Geschwindigkeiten durch das Einschlagen der Vorder- und Hinterräder in die gleiche Richtung drastisch erhöht. Ein gefühlt kleinerer Radstand beim Rangieren, ein größerer bei schneller Kurvenhatz.

Die rasant wechselnden Seitenneigungen am Bilster Berg konterte der Porsche 911 Turbo mit der Porsche Dynamic Chassis Control (PDCC) eindrücklich. Das variable Stabilisator-Programm, in der Aufpreisliste für 3.213 Euro zu finden, verringert die Wankneigungen bei sportlicher Fahrweise und lässt eine höhere Querbeschleunigung zu. Gerade auf Rennstrecken wie dem Bilster Berg oder auch der Nordschleife essentiell für dauerhaft schnelle Rundenzeiten, da auch die Reifen geschont werden.

Porsche 911 Turbo Neuwagen

Foto: © D.Stanka

Motor und Antrieb

383 kW (520 PS) oder 412 kW (560 PS). Turbo oder Turbo S? Die 40 PS Unterschied sind auch nach Aussage von Walter Röhrl fast nicht spürbar. Der preisliche dagegen schon. Bei dieser Betrachtung stehen 162.055 Euro 195.256 Euro gegenüber. Aber halt. Ausstattungsbereinigt müssen dem Turbo im direkten Vergleich rund 20.000 Euro aufgeschlagen werden. Denn der Turbo S leuchtet den Weg serienmäßig mit LED-Hauptscheinwerfern aus, die mal eben 2.130,10 Euro verschlingen. Und wer öfters mal auf der Rennstrecke die Pferdchen laufen lässt, sollte sich mit der 9.186,80 teuren Keramikbremsanlage anfreunden.

Fazit

Die Symbiose ist vollbracht. Die Vereinigung sensationeller Fahrleistungen und einem Handling, das selbst nicht Sportwagen-erprobte Zeitgenossen genießen können. Die herausragenden Fahreigenschaften machen es den Mitbewerbern nicht nur schwer, sondern wohl auch fast unmöglich, an einen Porsche 911 Turbo heranzukommen. Kompromissloser ist da nur der 911 GT3 aus dem eigenen Hause, eine willkommene Konkurrenz also, die dem Motorsport-Freak das Quäntchen mehr an purem Automobil liefert.

Porsche 911 Turbo Neuwagen

Foto: © D.Stanka

Technische Daten: Porsche 911 Turbo

Motor: 6-Zylinder-Boxer

Getriebe: Siebengang-PDK

Hubraum: 3.800 ccm

Leistung in kW/PS bei xy U/min: 383 kW (520 PS)/6.000 – 6.500

Max. Drehmoment: 660 Nm bei 1.950 – 5.000 Umdrehungen pro Minute

Länge/Breite/Höhe: 4.506/1.880/1.296 in mm

Radstand: 2.450 in mm

Leergewicht: 1.595 kg

Zul. Gesamtgewicht: 1.990 kg

Kofferrauminhalt: vorne 115 l, hinten 260 l

Bereifung: 245/35 ZR 20 vorne, 305/30 ZR 20 hinten

Felgen: 8,5 x 20″ vorne, 11 x 20″  hinten Alu-Schmiederäder

Beschleunigung: 3,4 Sekunden

Höchstgeschwindigkeit: 315 km/h

Tankinhalt: 68 l

Kraftstoffverbrauch kombiniert: 9,7 Liter auf 100 km

Preis: 162.055 Euro inkl. MwSt.

Dietmar Stanka   Aribonenstraße 1 b   D-81669 München




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