Licht und Schatten auf dem Genfer Auto Salon

Freitag, 10. Mär. 2017

Genfer Spitzen Rund 150 Neuheiten warten auf dem Genfer Auto Salon darauf, vom Publikum bestaunt werden. Wir haben unsere ganz persönlichen Glanzlichter ausgesucht – und uns auch bei den Schattenseiten der Messe umgeschaut.

Ein echter Genf-Kracher: Die Serienversion des Alpine A110Foto: SP-X/Matthias Knödler

Ein echter Genf-Kracher: Die Serienversion des Alpine A110 | Foto: SP-X/Matthias Knödler

Genfer Spitzen

Rund 150 Neuheiten warten auf dem Genfer Auto Salon darauf, vom Publikum bestaunt werden. Wir haben unsere ganz persönlichen Glanzlichter ausgesucht – und uns auch bei den Schattenseiten der Messe umgeschaut.

Volvo, Peugeot, DS und Nissan haben der IAA den Rücken gekehrt, Porsche war dieses Jahr nicht in Detroit vertreten und auch auf den Messen in Los Angeles, Paris, Shanghai oder Tokio gibt es immer häufiger ein paar mehr oder weniger große Lücken im Ausstellerverzeichnis. Nur der Genfer Auto Salon schafft es noch, so ziemlich alle Big Play der Branche anzulocken. Lediglich Tesla und die BMW-Tochter Mini schwänzen die Frühjahrsschau am Lac Léman, was in Anbetracht von rund 180 Ausstellern nicht sonderlich ins Gewicht fällt. Gut 900 Modelle sind in Summe zu bestaunen, fast 150 davon feiern auf dem Auto Salon ihre Welt-, Europa oder zumindest Messepremiere. Zeit, für ein ganz persönliches Urteil.

Das AMG GT Concept ist ein Best-of-Show-FavoritFoto: SP-X/Matthias Knödler

Das AMG GT Concept ist ein Best-of-Show-Favorit | Foto: SP-X/Matthias Knödler

Die Wahl des Messe-Highlights ging relativ schnell vonstatten. Gegen zehn Uhr lüftete Mercedes am ersten Pressetag das Geheimnis um das AMG GT Concept, und mit dem Fallen des Tuches stand das elegante, viertürige Coupé eigentlich schon als Best-of-Show-Favorit fest. Es läuft derzeit einfach bei Gordon Wagener, dem Stuttgarter Chef-Designer, und wann immer er den Stift ansetzt, kann man sich sicher sein, dass etwas Aufsehen erregendes herauskommt. Wie zum Beispiel diese Gran-Turismo-Studie, die das Konzept CLS eine ganze Stufe höher hebt und sich anschickt, dem Porsche Panamera in die Parade zu fahren. Wenn die Studie es weitgehend unverändert in die Serie schafft, sollte das zu schaffen sein.

Vielleicht der letzte "echte" Opel: Der neue Insignia kann sich außen und innen sehen lassenFoto: SP-X/Matthias Knödler

Vielleicht der letzte "echte" Opel: Der neue Insignia kann sich außen und innen sehen lassen | Foto: SP-X/Matthias Knödler

Ebenfalls auf der Top-Seite steht ganz klar der neue Opel Insignia. Sollte es so sein, dass der Mittelklässler der letzte „echte“ Opel ist, also einer, der noch ohne Beteiligung des neuen Eigners PSA entstanden ist, so haben sich die Rüsselsheimer damit ein würdiges Denkmal gesetzt: Deutlich größer, deutlich schicker und deutlich hochwertiger als bisher klopfen Limousine und Kombi von unten am Premium-Segment an. Bleibt nur zu hoffen, dass die Kunden dem krisengebeutelten Autobauer auch unter französischer Ägide die Stange halten. Das dritte Highlight am Genfer See kommt von Renault: Nach vielen Jahren des Planens, Studierens und Ausprobierens ist sie endlich fertig, die Alpine. Damit hauchen die Franzosen einer Sportlegende neues Leben ein – und bleiben dem Grundkonzept von 1962 treu, das Vier-Augen-Gesicht und der ausgeprägte Heckbuckel wecken sofort Erinnerungen an die alte A110. Der 1,8-Liter-Mittelmotor leistet 250-Turbo-PS und verspricht in der trocken nicht einmal 1.100 Kilogramm wiegenden Neuauflage des Klassikers eine Sprintzeit von nur 4,5 Sekunden. Wir freuen uns schon, wenn die ersten Alpine Ende des Jahres im Straßenverkehr auftauchen.

Vielleicht nicht jedermanns Geschmack: Die zerflüftete Front des neuen VW ArteonFoto: SP-X/Matthias Knödler

Vielleicht nicht jedermanns Geschmack: Die zerflüftete Front des neuen VW Arteon | Foto: SP-X/Matthias Knödler

Wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten, und einer der dunklen Flecken ist der VW Arteon. Nicht etwa, weil der Volkswagen ein schlechtes Auto wäre – das ist mit der bewährten Konzerntechnik kaum möglich, und auch das Qualitäts-Niveau scheint markentypisch hoch. Ob der Nachfolger des CC allerdings seine neue Rolle als Flaggschiff der Marke ausfüllen kann, darf bezweifelt werden. Mit seiner zerklüfteten Frontpartie und dem schier unendlich breiten, bis in die Scheinwerfer hineingezogenen Kühlergrill wirkt er auf jeden Fall nicht sonderlich „staatsmännisch“ und das Erbe, das er Antritt ist ziemlich groß. Schließlich galt der CC auch vielen Nicht-nur-VW-Fans als der schönste Volkswagen schlechthin. Ob der in Emden gebaute Arteon sich diesen Ruf auch erarbeiten kann, muss sich zeigen – vielleicht sieht das viertürige Coupé auf der Straße ja deutlich gefälliger aus als im gleißenden Messelicht. Ab Juni wissen wir mehr, dann kommt der VW auf die Straße.

Beim Mitsubishi Eclipse hat man den Eindruck, als wollen die Japaner auf Biegen und Brechen auch einen Teil des SUV-Coupé-Kuchens abhabenFoto: SP-X/Matthias Knödler

Beim Mitsubishi Eclipse hat man den Eindruck, als wollen die Japaner auf Biegen und Brechen auch einen Teil des SUV-Coupé-Kuchens abhaben | Foto: SP-X/Matthias Knödler

Für Verwunderung beim Autor dieser Zeilen sorgte auch Mitsubishi mit dem neuen Eclipse Cross, dem ersten SUV-Coupé des japanischen Autobauers. Was er mit den Eclipse-Modellen gemeinsam hat? Er sieht ähnlich verschroben aus. Während das allerdings in den 90er-Jahren irgendwie sympathisch war, hat man jetzt den Eindruck, als wollen die Japaner auf Biegen und Brechen auch einen Teil des SUV-Coupé-Kuchens abhaben. Anders als bei BMW X6 oder Mercedes GLE, deren Dach mehr oder weniger elegant nach hinten ausläuft, sieht das kantige Eclipse-Cross-Heck nicht besonders stimmig aus. Außerdem wirkt der Hochbeiner verhältnismäßig schmal und schlaksig und hat nur wenig von der wuchtig-stattlichen Anmutung seiner Gattungsgeschwister.

Hallo Designer: Bei aller Liebe zum Thema Retro – beim Eadon Green habt ihr es eindeutig übertrieben!Foto: SP-X/Matthias Knödler

Hallo Designer: Bei aller Liebe zum Thema Retro – beim Eadon Green habt ihr es eindeutig übertrieben! | Foto: SP-X/Matthias Knödler

Völlig daneben gegriffen hat auf dem diesjährigen Salon Eadon Green. Nun ist die Schweizer Messe dafür bekannt, zahlreichen Kleinserienherstellern und Exoten ein Forum zu bieten, und immer wieder entdeckt man an den Ständen von Marken, deren Namen man auch als versierter Motorjournalist noch nie gehört hat, Hingucker, die man am liebsten gleich mitnehmen möchte. Nicht so aber bei der neuen, britischen Marke Eadon Green, die vergangenes Jahr in London gegründet wurde und nun mit dem Black Cuillin ihr Debüt gibt. Schon die erste veröffentlichte Skizze lies im Vorfeld befürchten, dass da was ziemlich geschwungenes auf uns zukommt. Dass das Auto-Start-up allerdings ein barockes Coupé mit Glubschaugen, einem überdimensionierten Gitternetz-Kühlergrill und – typisch 30er-Jahre – in die Seitenschweller übergehenden Kotflügeln ausstellt, überraschte doch zahlreiche Messebesucher. Und dann erst das Heck: Das Dach zieht sich, ganz anders als beim Eclipse, fast bis zum Boden und formt einen Überhang, der seinesgleichen sucht. Hallo Designer: Bei aller Liebe zum Thema Retro – hier habt ihr es eindeutig übertrieben!

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Michael Gebhardt/SP-X