Audi R8: Unterwegs zur Pole Position
Audi setzt zum nächsten Sprung an. Mit dem R8 wollen die Ingolstädter «erfolgreichster Premiumhersteller der Welt» werden. Der 420 PS starke Sportwagen bringt alle Voraussetzungen mit, dass dieses Ziel erreicht wird.
Audi hat das Jahr 2006 gerade mit dem elften Rekordabsatz in Folge abgeschlossen. Doch das ist dem erfolgsverwöhnten Autobauer nicht genug. Die Ingolstädter wollen mehr, viel mehr. Natürlich soll das Wachstum unvermindert fortgesetzt werden. Bis zum Jahr 2008 peilt Audi-Chef Rupert Stadler den Verkauf von einer Million Fahrzeugen an. Auf dem Weg dorthin will Audi allerdings noch etwas anderes erreichen: Man will «erfolgreichster Premiumhersteller der Welt» werden, wie der Nachfolger des als Vorstandsvorsitzenden zu Volkswagen gewechselten Martin Winterkorn sagt.
Gelingen soll dieser Anspruch mit einem Modell, dass die «Marke Audi weiter emotionalisieren wird» (Stadler) - dem Audi R8. Es ist das jüngste Modell der Ingolstädter - und in der Firmengeschichte ohne Zweifel attraktivste. «Dieses Auto ist die Krone des Automobilbaus», sagt Stadler bei der Präsentation dieses Mittelmotor-Sportwagens in Las Vegas. Klar, als Audi-Chef muss Stadler so etwas sagen, auch wenn der ein oder andere Mitbewerber das ganz anders sehen dürfte. Eines dürfte bei der Konkurrenz indes nicht bezweifelt werden: hier kommt ein Auto, dass alles mitbringt, sich die Pole Position zu sichern. Schließlich verfügt der R8 über die Gene des gleichnamigen Le Mans-Siegerautos. Da ist zunächst der 4,2 Liter große V8-FSI-Motor. Mit 420 PS und einem maximalen Drehmoment von 420 Nm ist er nicht nur ein wahres Kraftpaket, sondern vor allem eines: ein optischer Genuss.
So liegt der Mittelmotor eingebettet von Carbon-Konsolen, silbernen Netzabdeckungen und angestrahlt von LED-Leuchten unter einer großen Glasscheibe. Das erinnert an die Präsentation von wertvollen Exponaten in einem Museum. Fehlt nur noch, dass der Betrachter dafür Eintritt bezahlen müsste.
Eigentlich keine schlechte Idee. Denn überall dort, wo man mit dem Audi R8 vorfährt, zieht man die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Sie nähern sich begeistert; die Reaktion ist immer die gleiche: «What a fantastic car». Und das, was die Designer mit dem R8 auf die Räder gestellt haben, fasziniert sogar jene, die einen sonst entgeistert anschauen, wenn man von einem Auto wie von einer schönen Frau schwärmt. Bereits im Stillstand erahnt man, wofür dieser Zweisitzer gemacht ist: für Menschen, die auch im Alltag den Hauch von Rennstrecke erleben wollen. Die tief heruntergezogene Frontpartie bildet fast eine Einheit mit der Straße.
Die riesigen schwarz gehaltenen Gitter unter den schmal geschnittenen LED-Tagfahrleuchten verleihen dem R8 einen dynamischen Auftritt, der sich bis zum Heck vollzieht. Doch bevor man es nach 4,43 Metern erreicht, bleibt der Blick an den großen Lufteinlässen vor den hinteren Radläufen hängen. Sie unterstreichen nochmals die Dynamik des R8. «Dieses Auto fährt bereits im Stehen», sagt Stadler.
So beeindruckend dieser Sportwagen von vorne ist, ist er auch von hinten; dem Teil des Autos, den man vor allem auf der Autobahn am meisten sehen dürfte: Hier ziehen die jeweils zwei Auspuffrohre an der linken und rechten Seite in Kombination mit den großen Luftauslässen und der ausfahrbare Heckspoiler die Blicke auf sich. Kommt man zum Innenraum des R8, setzt sich die Überraschung fort. Nicht wegen der bei Audi bekannt guten Verarbeitungsqualität, sondern vor allem über den zur Verfügung stehenden Platz. In diesem Sportwagen finden auch groß gewachsene Fahrer einen angenehmen Arbeitsplatz vor: Selbst mit einer Körpergröße von 1,91 Metern ist noch Luft zwischen Kopf und Dach. Vor allem bieten auch die Sitze demjenigen guten Komfort, der die Zeiten des Idealgewichts schon ein paar Jahre hinter sich gelassen hat.
Wer den R8 starten will, wird zunächst überrascht. Denn er lässt sich nicht mit dem mittlerweile so üblich gewordenen Startknopf zum Leben erwecken, sondern traditionell mit dem Zündschlüssel. Ist das vollbracht, kann es losgehen, sobald der Schalthebel unseres mit dem automatisierten Schaltgetriebe «R tronic» ausgestatteten Testwagens auf die Position A gestellt wird. Gemächlich geht es los: Angesichts der in den USA durchschnittlich erlaubten 55 Meilen muss man sich sehr zusammenreißen, um den Gasfuß im Zaun zu halten.
Doch dort, wo der Vorausblick auf am Straßenrand lauernde Sheriffs es ermöglicht, ist die Geduld am Ende und der Fuß wandert blitzartig zum Bodenblech - ein Erlebnis! Die Hände umklammern das Sportlenkrad, während die 420 frei werdenden PS einen abrupt in die Sitze pressen. In gerade einmal 4,2 Sekunden wird man von 0 auf 100 km/h katapultiert. Den Rest der im R8 steckenden Höchstleistung erfahre ich nicht selbst - am Ende obsiegt doch die Vernunft. Das Datenblatt muss also Aufschluss geben: Die Höchstgeschwindigkeit endet nicht wie sonst üblich bei 250 km/h im Begrenzer, sondern bei 301 km/h. Wer will, der kann also. Doch dann liegt der Normverbrauch deutlich über den angegebenen 14,6 Litern. Der Fahrer eines R8 wird es verschmerzen können. Wer 104.400 Euro für ein solches Auto ausgibt, den interessiert es nicht wirklich, einmal öfter an die Tankstelle zu müssen. Zudem hat er angesichts des Spaßes am Benzinvergeuden die Option, statt des 75 Liter Tanks einen mit 95 Litern zu ordern. Dass ein solcher Verbrauch und ein CO2-Ausstoß von 349 g/km ökologischer Irrsinn sind, ist ein anderes Thema.
Doch seine wahren Stärken offenbart der R8 ohnehin nicht durch die mögliche Höchstgeschwindigkeit. Seinen Reiz offenbart dieser Renner durch seine Alltagstauglichkeit und seine souveränen Fahreigenschaften. Überzeugen konnte man sich davon auf einem Handlingparcours auf dem Las Vegas Race-Track. Dank des serienmäßigen Quattro-Allradantriebs ist der R8 so gut wie durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Souverän zieht er seine Bahnen, ohne auch nur den Hauch einer Unsicherheit an den Tag zu legen.
Mit dem R8, so erzählt Produktmanager Jens Meier, will Audi die Lücke zwischen einem Audi TT und einem Lamborghini Gallardo schließen. «Mit dem R8 setzen wir unserer Marke das Sahnhäubchen auf», sagt Meier. Volumen wird Audi mit dem R8 nicht macht können. Pro Tag können im Werk in Neckarsulm gerade einmal 20 Fahrzeuge gefertigt werden. Bei 220 Arbeitstagen kommen so im Jahr gerade einmal 4400 Stück zusammen. Wer sich für einen R8 interessiert, muss sich entsprechend gedulden. Die Produktion dieses Jahres ist bereits ausverkauft. Seinen Marktstart wird der R8 im April/Mai feiern. Als wichtigste Märkte sieht Stadler neben Deutschland vor allem Großbritannien und die USA an. Daneben setzt der Audi-Chef jedoch auch hohe Erwartungen an Russland und Middle East. Aber auch in China «mit seinen weit über 100.000 Millionären erhoffen wir uns einiges», sagt Stadler. Doch wie gesagt: Um Volumen geht es beim R8 nicht. Es geht Audi um die Vorherrschaft als erfolgreichster Premiumhersteller. Und mit diesem R8 ist Audi auf dem Weg zur Pole Position.
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