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Formel E - Sportive Spielwiese der E-Mobilität

Surrende Motoren in Uruguay

Samstag, 16. Jan. 2016

Morgens kurz nach 8 Uhr. Ich stehe an der Strandpromenade von Punte del Este, dem angesagten Badeort an der Küste von Uruguay. Es ist der 19. Dezember 2015, der Samstag vor Weihnachten. Die Promenade hat ihr Gesicht verändert und wurde in eine Rennstrecke verwandelt. Knapp 2,8 Kilometer lang mit ein paar bösen Schikanen, engen Kurven und Kehren.

Ein Bericht von Dietmar Stanka

Punta del Este ist zum zweiten Mal Schauplatz der Formel E. Und wie alle Rennstrecken dieser ersten, rein elektrisch basierten Motorsport-Serie führt auch diese über ganz normale Straßen durch Städte. Im Fall des hübschen Badeortes in Uruguay auf der von Apartmenthäusern und Hotels gesäumte Promenade am Atlantik-Strand.

Foto: ABT Sportsline

Aber hey. Was war das eben? Dem Sound von Slotcars nicht unähnlich, zischen plötzlich die ersten Formel-E-Racer an mir vorbei. Schon seltsam. Kein lautes Kreischen von Motoren, sondern nur ein relativ leises Surren wie auf einer überdimensionalen Carrera-Rennbahn. Wird der vermeintlich fehlende Soundteppich ausgeblendet, flitzen bunt beklebte Formel-Rennwagen in einem Affenzahn an den Zuschauertribünen vorbei. Die 100 km/h erreichen die Formel E Racer aus dem Stand in 2,9 Sekunden und die Höchstgeschwindigkeit ist auf 225 km/h abgeregelt. Was aber auf den Stadtkursen dieser Welt eh keine Bedeutung hat.

Zudem ist in der Formel E mehr Taktik gefragt, als bei den meisten anderen Motorsportserien. Hans-Jürgen Abt, Teamchef von Abt Schäffler Audi Sport, erläuterte uns in der Box des Rennstalls aus Kempten einige Kniffe und Tricks in der Formel E. „Dosiertes Gas geben und taktieren sind in der Formel E das A und O eines erfolgreichen Rennverlaufs. Im Gegensatz zu konventionell angetriebenen Motoren, bei denen im Verlauf eines Rennens Boxenstopps mit Betankung durchgeführt werden, fahren wir in der Formel E mit zwei Autos.

Foto: ABT Sportsline

Etwa zur Mitte des Rennens, das im Regelfall rund 55 Minuten dauert und 100 km lang ist, wird die Box angefahren und in Windeseile in das bereitstehende zweite Auto umgestiegen.“ Das klappte bei Lucas Di Grassi in Punta del Este besonders gut. Nur 0,2 Sekunden nach der festgeschriebenen Zeit von 59 Sekunden fuhr der Brasilianer wieder auf die Strecke und konnte das Rennen als Zweitplatzierter beenden.

Nicht so viel Glück hatte Daniel Abt, Sohn von Hans-Jürgen und nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Nick Heidfeld in Uruguay, der einzige deutsche Fahrer im hochkarätig besetzten Starterfeld der Formel E. Nach einem guten Start schien es, als ob er mit seinem Teamkollegen nach vorne stürmen kann. Ein leichter Kontakt mit der Mauer warf aber sämtliche Podiumsaussichten über den Haufen, sodass er das 33 Runden dauernde Rennen auf der achten Position beendete.

Als exklusiver Technologiepartner des „ABT Schaeffler Audi Sport“ Teams hat Schaeffler das komplette Antriebssystem des Rennwagens aus Motor und Getriebe gestaltet. „Die gesamte Elektromobilität, dazu gehören Hybrid-Lösungen, aber auch das elektrische Fahren, wird wesentlich die Mobilität der Zukunft bestimmen“, sagt Prof. Peter Gutzmer, Technologie-Vorstand bei Schaeffler. „Um hier vorn zu sein, ist das Engagement in der Formel E ideal und dient als Vorbild: Unsere Ingenieure sollen an Grenzen gehen und den Wettbewerb suchen – in der Serie genauso wie im Motorsport.“

Foto: D. Stanka

Herzstück ist der Elektromotor, der den Namen „Abt Schaeffler MGU 01“ trägt. Der Schwerpunkt lag hierbei auf einer bestmöglichen Effizienz, hoher Zuverlässigkeit und optimaler Thermik dank veränderter Kühlung. „Der Motor hat ein besseres Drehmoment und einen besseren Wirkungsgrad als der Vorgänger“, ist von Prof. Peter Gutzmer zu vernehmen.

Abt und Schaeffler entwickelten auch ein neues, zum Motor passendes Getriebe, das von dem renommierten Partner Hewland nach speziellen Vorgaben gefertigt wurde. Es ist steifer und kompakter. Um das Ziel von möglichst wenigen Schaltvorgängen pro Runde zu erreichen, entschieden die Ingenieure sich für eine Variante mit drei Gängen.

Foto: D. Stanka

Optimiert wurde auch das Fahrwerk, das eine höhere Steifigkeit sowie eine verbesserte Kinematik aufweist. Bindeglied zwischen allen Elementen ist die neu entwickelte Software, die für das Zusammenspiel aller Komponenten verantwortlich ist. Ihre Funktionalität zu perfektionieren, war ein Schwerpunkt der Testfahrten.

Volkswagen brachte sich in der zweiten Saison als strategischer Partner ins Team von Abt Schaeffler in der Formel E ein. Die Verbindung von Abt Sportsline und Volkswagen hat eine lange Historie, die bis in die 1970er Jahre zurückreicht, als die ersten Golf-Modelle in Kempten getunt wurden. Heute ist Abt Sportsline GmbH mit fast 200 Mitarbeitern in fast 70 Ländern auf allen fünf Kontinenten präsent und der weltweit größte Veredler für Fahrzeuge der Marken Audi, VW, Seat und Škoda.

Das Engagement von Abt Sportsline im Bereich der Elektromobilität ist bei weitem nicht nur auf die Formel E beschränkt, wie uns Harry Unflath, Marketingchef des Allgäuer Unternehmens erzählte. „ Wir wissen um die CO2-Problematik und haben bereits vor einigen Jahren mit dem Umbau von Volkswagen Caddy Modellen auf reinen Elektronantrieb begonnen. Im Moment arbeiten wir am neuen Transporter T6, der ebenfalls wir der Caddy, rein elektrisch beispielsweise von Gemeinden und Betrieben eingesetzt werden soll.“

Foto: D. Stanka

Unflath weiter: „Wenn man es nicht probiert, dann funktioniert es auch nicht. Die Firma Abt feiert dieses Jahr 120-jähriges Jubiläum, die Ursprünge reichen bis zur Pferdeschmiede Johann Abts in Kempten zurück. Der gleichnamige Gründerenkel legte mit seinen motorsportlichen Aktivitäten 1950 den Grundstein von Abt Sportsline und wir sehen in der Formel E eine neue und mit nicht zu vergleichende Art des Motorsports. Wir dürfen stolz darauf sein, als das deutsche Team dabei zu sein. Auch wenn es schade ist, dass die Bundespolitik beim Rennen auf dem Tempelhofer Feld am 23. Mai 2015 meiner Ansicht nach zu wenig Interesse gezeigt hat.“

Neben der Formel E ist Abt Sportsline in der Deutschen Tourenwagen Masters (DTM) mit vier Audi RS 5 DTM unterwegs. Zudem betreut Abt Sportsline die von der quattro GmbH eingesetzten Autos des Audi Sport TT Cup, der im Rahmenprogramm der DTM startet.

Foto: ABT Sportsline

Am 6. Februar geht es weiter mit der Formel E. Ganz in der Nähe von Punta del Este, nur eine knappe Flugstunde entfernt in Buenos Aires, der argentinischen Hauptstadt. Am 21. Mai ist wieder ein Rennen in Deutschland geplant. Klar scheint im Moment nur, dass es wohl nicht in Berlin stattfinden wird. Gemunkelt wird über den Norisring in Nürnberg. Der ja auch keine permanente Rennstrecke ist, dafür aber viele Motorsportfans anziehen wird. Was dieser neuen Motorsport-Serie gut tun und das allgemeine Interesse an der Elektromobilität in neue Sphären heben würde.

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Fotos: © Dietmar Stanka (5) , © ABT Sportsline (3)

Dietmar Stanka Aribonenstraße 1 b D-81669 München